Facharbeit von Juliane Aronia Fröhlich über das Jugendobjekt Erdgastrasse. Mit freundlicher Unterstützung ehemaliger Trassniks und erdgastrasse.de

Inhaltsverzeichnis (bitte Thema anklicken)

1. Einleitung
2. Wirtschaftliche Gründe zum Bau der Erdgastrasse
3. Zentrales Jugendobjekt Erdgastrass
3.1 Vorgänger Drushba- Trasse
3.2 Organisation der Erdgastrasse
3.3 Bauphase Erdgastrasse
3.4 Geschenkdienst GmbH Genex
3.5 Freizeitgestaltung an der Trasse
4. Politische Ereignisse und Veränderungen während des Baus am Zentralen Jugendobjekt Erdgastrasse
4.1 Erdgastrasse - Machtmittel im Kalten Krieg?
4.2. Perestroika und Glasnost
4.3 Wende und Wiedervereinigung
5. Menschlichkeit (eine Zeitzeugenbefragung)
5.1 Fragenkatalog
5.2 Zeitzeugenbefragungen
5.3 Auswertung
6. Abschlussbetrachtung

 

 

Viele Trassenkumpel halfen Juliane bei der Bewältigung der Aufgabe, OBL IV "History" sozusagen. Hier ist das Resultat:

Facharbeit über das Zentrale Jugendobjekt "ERDGASTRASSE" 

                                                         von Juliane Aronia Fröhlich.

1. Einleitung

Trasse- was ist denn das? Nicht nur meinen Klassenkameraden geht es so, viele Menschen können sich einfach nichts unter dem Begriff "Trasse" vorstellen. Doch warum? Es war ein so populäres Projekt, der Jugendorganisation Freien Deutschen Jugend der damaligen DDR, warum können so wenige etwas damit anfangen? Mit dieser Facharbeit möchte ich versuchen, diese "Wissenslücke" zumindest bei einigen Interessierten zu schließen. Sicher fragen sich viele, warum mir soviel daran liegt, dass die Trasse nicht in Vergessenheit gerät.

Angefangen hat alles mit meinem Onkel Herwig Gundlach, genannt Charly, der von Januar 1986-Juli 1991 am „Zentralen Jugendobjekt Erdgastrasse" teilgenommen hat und jetzt ein neues Leben im fernen Tschaikowsky, kurz vor der asiatischen Grenze, führt. Mich interessiert einfach, wie es meinen Onkel nach Russland verschlug, in einen Ort ca. 3500 km entfernt von Deutschland. Fast zwanzig Jahre lebt er nun schon dort und Urlaub im heimischen Deutschland ist teuer. So versuche ich diesem Teil meiner Familie durch meine Recherchen etwas näher zu sein.

Während meiner Arbeit habe ich viele hilfsbereite Menschen kennen gelernt, die mir beim Recherchieren hinsichtlich meiner Facharbeit zur Ergastrasse sehr geholfen haben- ohne sie hätte ich es sicher nicht so schaffen können. Mich hat die Hilfsbereitschaft der vielen ehemaligen Trassenerbauer sehr überrascht, da man dies in der heutigen Gesellschaft nur selten erlebt und schon gar nicht in diesem Ausmaß. Natürlich gab es auch weniger freundliche Menschen, die mir erst ihre Hilfe angeboten haben, dann einen Rückzieher machten. Sogar mit einer Anzeige drohte man, sollte ich die Antworten veröffentlichen. Darüber war ich einerseits sehr traurig, doch es spornte mich anderseits auch zusätzlich an, denn nun wollte ich zeigen, dass meine Facharbeit eine seriöse Arbeit wird. Sie soll dazu dienen, den Arbeitern an der Trasse vielleicht ein kleines Denkmal zu setzen und dadurch die Erinnerung an die Erdgastrasse zu bewahren, aber auch Unwissenden einige Fakten zu liefern?

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2. Wirtschaftliche Gründe zum Bau der Erdgastrasse

Doch was führte eigentlich zum Bau der Erdgasleitungen? Zunächst konnten die geringen Bodenschätze der damaligen Deutschen Demokratischen Republik die Entwicklung der chemischen Industrie und den steigenden Energieverbrauch der Wirtschafts- und Privathaushalte nicht Zukunft sichernd decken. Die Erdöl- und Erdgasvorkommen waren in der DDR ziemlich gering, so zum Beispiel nur um Salzwedel, bei Bad Langensalza, in der Nähe von Reinkenhagen sowie das Gebiet um Rüdersdorf und Erkner. Zur Verarbeitung gelangte der Rohstoff über Erdgasleitungen in die Gebiete der chemischen Industrie (z. B. Halle, Bitterfeld, Dessau sowie Wolfen) und der Energiegewinnung (z. B. Senftenberg, Schwedt und Leuna). Auch per Tanker wurde Erdöl aus anderen Teilen der Welt eingeführt.

Die Erdöl- und Erdgasvorkommen in der damaligen Union der Soziaistischen Sowjetrepubliken, der zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt, waren jedoch im Gegensatz zur Deutschen Demokratischen Republik von enormen Ausmaß- die Nutzung dieser Bodenschätze jedoch äußerst schwierig. Zu bedenken waren da die Entfernungen zu den Verarbeitungsorten und der große Aufwand bei der Erschließung der Rohstoffe durch die UdSSR. Der Abbau von Rohstoffen in Sibirien und anderen Teilen der UdSSR war von großer Bedeutung für das damalige Wirtschaftswachstum der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken.

Um die wirtschaftliche Entwicklung der Mitgliedsländer des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe zu koordinieren, wurde die Ausarbeitung der Fünfjahrpläne der einzelnen Länder inhaltlich, methodisch und terminlich abgestimmt, so dass mithilfe der sozialistischen ökonomischen Integration diese Erschließung in Angriff genommen werden sollte. So beschloss man den Bau der ersten Pipeline- der „Drushba- Trasse" sowie den Bau der danach folgenden Erdgasleitungen Nordlicht (Nordweg) und Sojus (Südweg). Das letzte Projekt der RGW- Länder war der Bau der Erdgastrasse von Urengoi bis Ushgorod, bei der alle teilnehmenden Länder an ihre wirtschaftlichen Reserven gingen. In „Der Sozialismus- Deine Welt" äußert sich Gerhard Schürer folgender Maßen zur sozialistischen ökonomischen Integration: […] Das Produktionsmaterial der Brüderländer erhöht sich in beachtlichem Maße, wird immer effektiver genutzt. Und das alles geschieht zum Wohle unserer Völker. […] Heute gibt es kaum noch Betriebe oder Institutionen in unserer Republik, die nicht direkt oder indirekt in die vorteilhafte sozialistische internationale Kooperation und Spezialisierung der RGW- Staaten (…) in den Erfahrungsaustausch über Ländergrenzen hinweg einbezogen wären. […] Bei der Lösung der damit zusammenhängenden Probleme trägt auch unsere Jugend eine große Verantwortung. Vor Verbandsaktivisten der FDJ kennzeichnete der Generalsekretär des Zentralkomitees der SED, Erich Honecker, die Integration der sozialistischen Bruderländer als eine revolutionäre Aufgabe unserer Zeit. Bei der Entwicklung neuer Erzeugnisse in enger Gemeinschaftsarbeit mit Fachleuten aus der UdSSR, aus Polen, der CSSR und den anderen sozialistischen Bruderländern, bei der Nutzung sowjetischer Rohstoffe(...)merken die jungen Facharbeiter, Neuerer, Ingenieure und Wissenschaftler, wie durch die Vereinigung der Kräfte der Sozialismus gestärkte wird.[…]Die RGW- Länder bauen dabei auf den Erfahrungen einer bewährten und erfolgreichen Zusammenarbeit auf. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert wirken unsere Bruderländer in der ersten sozialistischen multilateralen Wirtschaftsorganisation, dem Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe, erfolgreich zusammen und haben internationale Beziehungen völlig neuen Typs entwickelt. Das hohe Wachstumstempo der Volkswirtschaft der RGW- Länder beweist, dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit für alle RGW- Länder von großem Vorteil ist.

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3. Zentrales Jugendobjekt Erdgastrass

3.1 Vorgänger Drushba- Trasse

In einer Facharbeit über das „Zentrale Jugendobjekt Erdgastrasse" darf dessen Vorgänger- die „Drushba Trasse" natürlich nicht fehlen. Angefangen hat alles, als man 1966 Erdgaslagerstätten bei Urengoi mit einem Gesamtvolumen von circa 5,5 Billiarden Kubikmetern Erdgas entdeckte. Man plante den Bau eines riesigen Systems zur Erschließung dieser gewaltigen Vorkommen. Als sich die Mitgliedsländer auf der XXVIII. Tagung des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe= Wirtschaftspakt der sozialistischen Länder) vom 18. - 21. Juni 1974 in Sofia trafen, um den gemeinsam Bau einer 2750 Kilometer langen Erdgasleitung mit allen dazugehörigen technischen Anlagen und Bauten zu beschließen, konnte mit der Arbeit begonnen werden. Von Orenburg, im Ural bis Ushgorod an der Westgrenze der UdSSR (Karpaten) sollten diese Erdgasleitungen von den vertretenden Ländern verlegt und circa alle 120 km eine Verdichterstation gebaut werden. Die riesigen Erdgasvorkommen der Sowjetunion sollten erschlossen und mittels Pipelines in Richtung Westen transportiert werden, wo es dann weiter genutzt oder veredelt wurde. Somit erhielten die Volksrepublik Bulgarien, die CSSR, die Volksrepublik Polen, die DDR und die Ungarische Volksrepublik je einen circa 550 km langen Bauabschnitt der Drushba- Trasse.

Von Krementschug am Dnepr bis Bar in der Westukraine verlief der Bauabschnitt der ehemaligen DDR. Die Standorte der gesamten Drushba- Trasse waren in Krementschug, Alexandrowska, Talnoje, Gaisin und Bar sowie Tscherkassy, wo die Baudirektion ihren Sitz hatte. Der Lineare Teil hatte seine Standorte neben Krementschug, Alexandrowska und Talnoje noch in Swetlowotsk, Glinsk und Spola. Alle teilnehmenden Länder mussten, neben dem Erbauen der Pipeline in ihrem Bauabschnitt noch Wohnungen bauen sowie Kindergärten, Kaufhallen und andere Gesellschaftsbauten errichten. Alle diese Bauten waren für das Bedienungspersonal der Verdichterstationen sowie für die Bevölkerung vorgesehen. Zum Leistungsumfang gehörte auch der Bau von Straßen, Stromversorgungs- und Kommunikationseinrichtungen. Am 05. Oktober 1974 schlug das Politbüro des Zentralkomitees der SED der Jugendorganisation "Freie Deutsche Jugend" vor, den Bau der Erdgasleitung als "Zentrales Jugendobjekt Drushba- Trasse" zu übernehmen. Dass man wichtige Bauobjekte oft dem DDR Jugendverband übertrug, hatte in der DDR durchaus Tradition, wie zum Beispiel der Talsperrenbau bei Sosa oder Maxhütte. Doch es ging ins Ausland, dies war etwas anderes. Zwar nur in Richtung Osten, aber das hieß schon was. Mobile Wohnlager für die ersten Trassenerbauer entstanden. Es gab ein Jugendprojekt "Interflug", welches die ständige Verbindung zwischen Berlin und Kiew übernommen hatte. Die ersten Forstarbeiten begonnen und man fing mit den Planungen zum Bau der zahlreichen Verdichterstationen und den Wohnungsbau für das spätere Bedienungspersonal an. In „Der Sozialismus- Deine Welt" schreibt Gerhard Schürer: "Ein leuchtendes Beispiel ist der gemeinsame Bau der Erdgastrasse >Drushba< von Orenburg zur Westgrenze der UdSSR. Dort bewähren sich Tausende der besten FDJler in harter Arbeit und festigen die Freundschaftsbande mit dem Leninschen Komsomol." Nach vielen Jahren Arbeit reisten Ende des Jahres 1979 die letzten Trassenerbauer zurück in die Heimat und das Kapitel Drushba- Trasse war damit abgeschlossen. Die Drushba- Trasse war das Vorzeigeobjekt der DDR und sollte dann nur noch vom Zentralen Jugendobjekt Erdgastrasse "übertrumpft" werden.

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3.2 Organisation der Erdgastrasse

Bereits 1978, kurz vor dem Ende des erfolgreichen Zentralen Jugendobjektes Drushba- Trasse, fanden erneute Besprechungen und Beratungen der RGW- Länder über weitere gemeinsame Projekte zur Erschließung der sowjetischen Erdgasvorkommen statt. Unter der sowjetischen Erde gab es noch sehr viele Erdgasvorkommen und die Mitgliedsstatten des Rats für Gegenseitige Wirtschaftshilfe, insbesondere die DDR brauchten diese wertvollen Rohstoffe für die Versorgung ihrer Länder. Doch erst 1982 wurde das Thema Erdgasleitungsbau wieder aufgenommen. Das nächste gemeinsame Projekt der RGW- Länder sollte von Urengoi bis Ushgorod verlaufen und das wertvolle Gas der ehemaligen Sowjetunion in den Westen transportieren. Neben dem Errichten der Erdgasleitungen plante man außerdem noch den Bau von insgesamt 40 Verdichterstationen sowie den Bau vieler sozialer und gesellschaftlicher Einrichtungen.

Durch die hervorragende Leistung der DDR beim Bau der ersten Trasse, bekam sie nun bei der vier Mal längeren Pipeline zwei Bauabschnitte zugeteilt. Der erste Bauabschnitt befand sich wieder in der Ukraine und der zweite in Russland südlich von Moskau. Die Standorte der Ukraine waren in Bar, Gorodenka, Bogorodtschany, Wolowez, Stryi sowie in Iwano- Frankowsk, Gussjatin, Tolstoje und Beresowka. Jefremow, Perwomaiski, Lipezk, Starojurewo, Serpuchow und Tula waren unter anderem Standorte in Russland. Die Gesamtbauzeit war für zwei Jahre angesetzt und die Realisierung innerhalb des angesetzten Zeitraums sollte zur Rekordleistung werden. Nach dem Abschluss der Bau- und Montageleistungen sah man eine Förderung von jährlich 200 Millionen Kubikmetern Erdgas vor. Das Erdgas sollte dann nicht nur in die Deutsche Demokratische Republik und in die anderen teilnehmenden Länder gefördert werden, sondern auch nach Frankreich sowie in die Bundesrepublik Deutschland und nach Österreich. Im Februar 1982 wurden der FDJ dann die Leistungen des Pipeline- Baus als Zentrales Jugendobjekt Erdgastrasse übergeben. Die Bauleistungen waren fast genauso wie an der Drushba- Trasse. So mussten die DDR neben dem Bau der Erdgaspipeline noch Wohnungen, Krankenhäuser, Kindergärten sowie kommunale Gebäude errichten. Doch dieses Mal waren die Herausforderungen größer. Das Wetter gab das Arbeitstempo vor und es mussten viele Hürden überwunden werden, wie z.B. der Bau von Untergrundspeichern. Außerdem mussten Flüsse überwunden sowie Eisenbahnlinien und Straßen über- und unterquert werden. Für den Bau der längsten Erdgasleitung setzte man zu leistende Baumaßnahmen an, wie 40 Verdichterstationen in einem Abstand von 110 bis 130 Kilometern. Die unzähligen Verdichterstationen, welche in bestimmten Abständen gebaut wurden, waren große Industrieobjekte. Die Verdichterstationen mussten das Erdgas auf seinem Weg reinigen, kühlen und unter hohem Druck weiterleiten. Der Bau einer einzigen Verdichterstation dauerte circa 1 ½ Jahre und oft wurden 2 oder mehr Stationen an einem Ort gebaut. Beim Bau der Erdgastrasse war vorgesehen, 700 Kilometer Rohrleitung in einem schwerzugänglichen Sumpfgebiet zu verlegen.

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3.3 Bauphase Erdgastrasse

Mitte der achtziger Jahre wurde in vielen DDR- Betrieben für einen Arbeitseinsatz an der so genannten zweiten Trasse geworben. Jeder der sich für das Projekt interessierte und sich einen Arbeitseinsatz im Osten vorstellen konnte, hatte die Möglichkeit sich bei den verschiedenen Betrieben der DDR, welche am „Zentralen Jugendobjekt Erdgastrasse teilnahmen zu bewerben. Sobald die Bewerbung der einzelnen „Trassenerbauer in spe" in Sack und Tüten war und man die Zusage in den Händen hielt folgte die Entscheidung wo man dann delegiert werden sollte. Jeder Trassenerbauer konnte vor dem Beginn seines Arbeitseinsatzes einen Antrag stellen und darin seinen Wunsch äußern, wohin er gerne eingesetzt werden wollte. Zum einem erfolgte die Delegierung aufgrund dieser Anträge und zum anderen aufgrund der Vorschläge der FDJ- Leitung und der Jugendbrigaden.

Die endgültige Entscheidung traf man jedoch nur nach Absprache mit dem zukünftigen Trassenerbauer. Bei welchem der vielen Hauptauftragnehmer man wirklich eingesetzt wurde hing eigentlich von der entsprechenden Qualifikation jedes Einzelnen ab. Da zu gewissen Zeiten jedoch „Arbeitermangel" an der Trasse herrschte, wurden Arbeiter wie Gärtner oder Tierpfleger oft „zweckverfremdet" eingesetzt. In den verschiedenen Fachbereichen setzte man jedoch nur ausgebildete Spezialisten wie Schweißer, Maurer, Köche oder Krankenschwestern ein, da man sich voll und ganz auf die Arbeitskräfte verlassen können musste. Zunächst wurde jeder Einsatz an der Trasse auf zwei Jahre angesetzt, die meisten ließen ihren Vertrag jedoch verlängern. Gebaut wurde an der Erdgastrasse von eigens dafür gegründeten Betrieben bzw. von ausgegliederten Bereichen der großen Kombinate. Die Hauptsitze und die Verwaltung der einzelnen Gewerke befanden sich in der DDR, von wo auch die Organisation erfolgte. Die Beschäftigten an der Trasse waren fast alle Delegierte („Abgestellte") und im Grunde genommen hatte jeder Trassenerbauer zwei Arbeitsplätze. Die eigentlichen Betriebe mussten ihre Arbeiter für die Betriebe an der Trasse abstellen und sie wieder einstellen sobald sie ihren Einsatz beim großen Bruder beendet hatten.

Die verschiedenen Betriebe zum Erbau der Erdgastrasse waren unterschiedlich groß, was bedingt durch ihre Aufgabenstellung war. Die Anzahl der Betriebsarbeiter reichte von wenigen bei HAN- Kultur und HAN- Medizin bis zu einigen tausend bei z.B. BMK und FLGB (LT). An den einzelnen Standorten waren so immer zwischen 800 bis 2000 Arbeiter. Insgesamt waren circa zwischen 12000 und 15000 Arbeiter am Zentralen Jugendobjekt Erdgastrasse beschäftigt. Für die eigentliche Arbeit an den Pipelines war der Lineare Teil zu ständig, denn die Rohre durften nicht nur sinnlos zusammengeschweißt werden- Präzisionsarbeit war erforderlich! Eine Naht bestand aus mehreren Lagen und musste dann sauber verschliffen werden. Die Arbeiter mussten ihre Aufgaben im Schlaf beherrschen- die Planung, das Schweißen sowie die Bedienung der Technik.

Im Sommer 1982 wurde dann die Arbeit im Lipezker Abschnitt mit der Errichtung der ersten Wohnunterkünfte und Versorgungseinrichtungen für die Bauleute aufgenommen. Der erste Spatenstich erfolgte am Kilometer 0 des Abschnittes der DDR, der zugleich Kilometer 4238,3 der Erdgasleitung von Urengoi bis Ushgorod war. Neben der Arbeit an der Erdgasleitungen, den Verdichterstationen und den anderen Einrichtungen wurden außerdem 14 Kilometer Straße von Perwomaiski zur Verdichterstation Starojurjewo über sehr unzugänglichem Sumpfgebiet verlegt. Im Oktober 1983 wurde dann die erste von insgesamt drei Verdichterstationen in Starojurjewo fertig gestellt. Im Jahr 1984 waren insgesamt 8713 DDR- Bürger und davon 4928 FdJler beim Bau der Erdgastrasse am Bauabschnitt der DDR beteiligt.

Bereits 1984, nach zwei Jahren harter Arbeit an der Trasse bekam die DDR einen dritten Bauabschnitt zugewiesen. Diesmal verschlug es die Trassenerbauer in den Ural, wo die Anforderungen wirklich enorm waren, z.B. die klimatischen Bedingungen, welche den Arbeitern alles andere als behilflich bei der Arbeit waren. Für diesen Bauabschnitt der DDR waren der Bau einer Strecke von 800 Kilometern Erdgasleitung nach Tschaikowsky und der Bau von acht Verdichterstationen vorgesehen. Die ersten Wohnungsbauer trafen im Mai 1984 in Tschaikowsky ein. In einem weiteren Bauabschnitt wurden außerdem bis 1985 294 Kilometer Trasse zwischen Jelez und Serpuchow in Richtung Moskau verlegt.

Zum Bau der Erdgasleitungen steuerte die Union der Sozialistischen Sowjet- Republiken nicht sonderlich viel bei. So wurden neben den Wohnungsbauplatten auch die Baustelleinrichtungen völlig aus der DDR geliefert. Außerdem ließ man einen Großteil der benötigten Lebensmittel mit Ausnahme von Fleisch, Mehl, Obst sowie Gemüse und Molkereiprodukte aus der Heimat kommen. Die Werkzeuge Installationsmaterialien sowie die gesamten Wohnlager und deren Einrichtung stammten ebenfalls aus der DDR. Baustoffe aus der unmittelbaren Umgebung wie z.B. Sand, Kies, Zement oder Steinen waren oft nur mit Problemen und weiten Anfahrtswegen zu besorgen.

Das Zentrale Jugendobjekt Erdgastrasse war das größte Auslandsprojekt der ehemaligen DDR und noch heute strömt Erdgas von Sibirien nach Westeuropa. Die von der DDR verlegten Kilometer der Erdgastrasse stehen nun unter anderem unter der Obhut der Firma „Permtransgas". Doch wer denkt denn in der heutigen Zeit daran, was für ein gewaltiger Kraftakt es vor 20 Jahren war, wenn er im Winter in der gut beheizten Stube sitzt? Im öffentlichen Bewusstsein spielte die zweite Trasse kaum eine Rolle. Großes Tamtam wurde jedoch an der Erdöltrasse durch die Ukraine, der "Drushba- Trasse", gemacht. Dort arbeiteten die Bruderländer mit. An der Erdgastrasse stand die DDR jedoch fast allein an der Seite des großen Bruders und ging mit diesem Projekt an ihre wirtschaftlichen Grenzen.

Doch warum bewarben sich trotz allem Tausende von Jugendlichen für einen Arbeitseinsatz an der Trasse? Sicher, man versprach sich dabei eine Menge Geld zu verdienen, von dem Arbeiter in der Heimat nur träumen konnten, Vergünstigungen hier und da und vielleicht auch einen Hauch Abenteuer. Und wie sah es dann in der Realität aus? Trassenerbauer bekamen zwar nach drei Jahren Trasse ihre „Autokarte", das hieß sie mussten nicht so lange auf den heiß begehrten Trabbi oder Wartburg warten und verdienten außerdem gutes Geld. Nach fünf Jahren Arbeit stand einem Trassenerbauer sogar eine Wohnungsbezugkarte zu und bestimmte DDR- „Mangelwaren" waren viel einfacher zu bekommen.

Aber war es die harte Arbeit wert? Gearbeitet wurde sechs Tage die Woche, meist zehn Stunden am Tag und dazu kamen dann noch unzählige Überstunden. Für einen normalen Arbeitstag waren jedoch nur 8 ¾ Sunden Arbeit angesetzt und so wurden zusammen mit den zehn Stunden Arbeit am Samstag die Mehrstunden der gesamten Woche zusammengezählt, wobei man auf 16 ¼ Stunden kam. Die gesamten Überstunden wurden addiert und nach drei Monaten konnte man diese gegen einen vierwöchigen Heimurlaub „einlösen". In zwölf Wochen hatten die Trassenerbauer dann 195 Stunden Freizeit erarbeitet. Die Abgeltung erfolgte in der Berechnung: erarbeitete Freizeit geteilt durch die Summe der Freizeittage gleich der Summe der Freizeittage, berechnet auf die Wochenarbeitszeit von Montag bis Freitag, wie in der Heimat. Die Überstunden, die man am Sonntag leistete bekam man bezahlt und nicht als Freizeit abgegolten. Die Dienstleister, wie zum Beispiel die Arbeitskräfte der Küche, Heizung und der Reinigung mussten an jedem Tag arbeiten. Andere Gewerke waren durch den hohen Termindruck dazu gezwungen an freien Tagen zu arbeiten. Die Arbeiter an der Trasse wurden genauso bezahlt wie vergleichbare Betriebe zu Hause. Nur durch die zahlreichen Überstunden und dem Trassenzuschlag von 20,- Mark bzw. 25,- Mark im Ural verdiente man am Ende dann doch mehr, als die „Genossen" in der Heimat.

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3.4 Geschenkdienst GmbH Genex

Alle Arbeiter, die an der Trasse arbeiteten, erhielten außerdem eine Auslöse von sechs Rubel. Davon konnten sie drei Rubel auf ein Genex- Konto einzahlen. Doch was sollten die Trassenerbauer mit dem vielen zusätzlichem Geld auf ihrem „Rubel- bzw. Genex- Konto" anfangen? Das ganze Geld konnten und wollten die meisten sicherlich nicht für Kleinigkeiten am Brett verschwenden. Das Brett war ja nur vergleichbar mit einem kleinen DDR- Konsum oder einer DDR- Imbissbude, wo man sich Lebensmittel und benötigte Gegenstände für den täglichen Bedarf kaufen konnte. Schließlich waren es pro Nase bis zu 270 Verrechnungsmark im Monat. Eine Firma schien gerade zu perfekt für die Trassenerbauer und ihr Geld zu sein- die „Genex Geschenkdienst GmbH". Die ehemals Geschenkdienst- und Kleinexport GmbH wurde am 20. Dezember 1956 von der DDR- Regierung gegründet. Genex gehörte zu einer der wichtigsten Devisenquellen der Kommerziellen Koordinierung, einer Abteilung des Außenhandelsministeriums der DDR. Zu anfänglichen Zeiten diente Genex nur als Geschenkdienst für Kirchengemeinden, wurde jedoch nach dem Mauerbau 1961 weiter ausgebaut und man lieferte dann sogar nach Dänemark und in die Schweiz. Doch welche Möglichkeiten bot Genex den Arbeitern an der Trasse? Für die Außenstehenden galt es als Lieblingswort an der Trasse, doch sahen es die Trassenerbauer auch so?

Der Genex- Katalog, aus dem nicht nur die Trassniks bestellen konnten, ist eigentlich vergleichbar mit z.B. einem üblichen „Quelle"- Katalog. Ursprünglich war der Genex- Katalog „Geschenke in die DDR" nur für Bürger der Bundesrepublik Deutschland gedacht, die dann bestimmte Waren bestellen und mit Westgeld bezahlen konnten. Die gewünschten Waren wurden dann direkt an die Verwandten und Bekannten der DDR geschickt. Bis zu 90 Prozent der gesamten Waren des Genex- Katalogs waren aus DDR- Produktionen. So konnten die Arbeiter neben Möbeln für die Lieben zu Hause in der Heimat, Kosmetik, Kleidung und Hifi- Anlagen eigentlich auch Lebensmittel kaufen, was jedoch nicht besonders relevant für die Arbeiter war, da sie ja sehr gut versorgt wurden und man sich den Rest am „Brett" kaufen konnte. Der einzige und wohl auch größte Unterschied zwischen den Genex- und den heutigen Warenhaus- Katalogen war, dass man im Genex Motorräder und Autos ohne die üblichen mehrjährigen Wartezeiten sowie Campingwagen und sogar Fertigteilhäuser, die so genannten „Neckermannhäuser" bestellen konnte. Wo man heute meist etliche Autohäuser „abklappern" muss, brauchte man an der Trasse nur den Genex- Katalog öffnen, sofern man sich das nötige Kleingeld zusammen gespart hatte.

Das Bilanzvermögen von Genex belief sich am 31.12. 1989 laut „Neues Deutschland" vom 14. Juni 1990 auf geschätzte 44,1 Millionen DM.

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3.5 Freizeitgestaltung an der Trasse

Ab 18 Uhr hieß es für die Trassenerbauer, nach stundenlanger Arbeit endlich Feierabend, sofern man keine Überstunden leisten musste. Meistens ging es gleich weiter zum Abendessen in den Speisesaal, der zusammen mit der Küche den zentralen Ort nach der Arbeit bildete. Die Versorgung an der Trasse war sehr gut organisiert und jeder wurde satt. Täglich wurden 1300 Kilogramm Wurst und Fleisch aus der Heimat geliefert. Manch ein Trassenerbauer spricht sogar von Verschwendung, da sich ein Trassenerbauer am Abend zum Beispiel zehn Scheiben Schinken nahm, jedoch nur vier aß- der Rest landete im Müll. Dieses Problem wollten einige mit dem Einführen von Lebensmittelkarten bewältigen, die Parteiführung wollte dies aber nicht genehmigen. Nach dem Abendessen trafen sich die Arbeiter beispielsweise zum Bier oder es wurde ein Film gezeigt. Wenige Trassenerbauer hatten persönlichen Kontakte zur Bevölkerung. Zum einen lag der Grund in den schlechten Verkehrsmöglichkeiten, zum anderen darin dass man sich oft weit entfernt von der „Zivilisation" befand und außerdem waren private Kontakte sowieso nicht so erwünscht.. Die Funktionäre schon eher, welche für die wenige freie Zeit der Trassniks kulturelle Höhepunkte organisierten. Seien es Volkstanzgruppen oder Chöre, Filme oder Tanzveranstaltungen. In der Bevölkerung spürte man einerseits die herzliche Gastfreundschaft für Fremde, andererseits aber auch das Unverständnis hinsichtlich der Verschwendung von Lebensmitteln in den Wohnlagern. Außerdem gab es auch Kontakte aufgrund bautechnischer Fragen und es war gut, wenn man dann russisch konnte.

Ab und zu wurden Stadtbesichtigungen organisiert oder die Arbeiter schafften es sich selber eine Mitfahrgelegenheit zu besorgen und unternahmen Exkursionen. So konnte man sich beim HAN- Technik einen Bus organisieren und ins schöne und oft auch faszinierende „Russische" fahren. Im Großen und Ganzen war jedoch die HAN- Kultur für die Freizeitbeschäftigung der Trassenerbauer zuständig. Zu den Aufgaben zählten hauptsächlich das Betreiben von Büchereien, Kinofilme abzuspielen sowie in der Organisation von Musikgruppen aus der Heimat und anderen kulturellen Aktivitäten. So trug unter anderem auch die Gruppe „MTS" zur Unterhaltung der Trassenerbauer bei. Thomas Schmitt, Sänger der Gruppe berichtete mir am 18. Februar 2005 während eines Auftritts im Kunstspeicher Friedersdorf, dass jeder Besucher der Trasse erst einmal seine Trinkfestigkeit beweisen musste. Wem es gelang, der gehörte dazu. Außerdem erfuhr ich durch Thomas Schmitt, dass die Trassenerbauer eine eingeschworene Gemeinschaft war, aber auch ein wirklich dankbares Publikum. Der Ehrenkodex spielte an der Trasse eine große Rolle und die Gruppe spürte förmlich den harten Druck, unter dem die Arbeiter standen. Thomas Schmitt erwähnte während des Gespräches außerdem, dass nur Gruppen aus der Heimat zugelassen waren und selbst da noch unter strengen Kriterien ausgewählt wurde.

Der Ehrenkodex der Trasse war der Zusammenhalt untereinander, er stand an erster Stelle. Die Trassenerbauer wussten, dass sie alle gemeinsam im gleichen Boot saßen und so half jeder jedem, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Das ungeschriebene Trassengesetz lautete hinsichtlich der Arbeit: „Geht nicht gibt's nicht" und daran hielten sich alle. Der Text der Trassenhymne zeigt, dass die jungen Trassenerbauer beweisen wollten, dass Deutsche nicht nur Kriege führen können. Sie zeigten, dass die Jugend an der gemeinsamen Wirtschaft ernsthaft interessiert war und dieses auch durch harte Arbeit beweisen wollte.

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4. Politische Ereignisse und Veränderungen während des Baus am Zentralen Jugendobjekt Erdgastrasse

4.1 Erdgastrasse - Machtmittel im Kalten Krieg?

Die teilnehmenden Länder setzten alles daran, so schnell wie möglich fertig zu werden. Sie wollten ihr Vorhaben in Rekordzeit schaffen- egal zu welchem Preis und unter welchen Bedingungen für die Arbeiter! Doch warum? Um anderen zu imponieren, um sich in den Vordergrund zu stellen? War der Bau der Erdgastrasse womöglich nur ein Kampfmittel des Kalten Krieges? Doch was war er eigentlich- der „Kalte Krieg"?

Unter „Kalter Krieg" versteht man die Meinungsverschiedenheit zwischen den Weltmächten USA und Sowjetunion nach dem II. Weltkrieg. Eine wirkliche militärische Auseinandersetzung wie es bei Kriegen eigentlich an der Tagesordnung steht, gab es nicht. Dafür lieferten sich die Streitkräfte jedoch hartnäckige wirtschaftliche, diplomatische (außenpolitische) und ideologische Kämpfe. Während der Jahre des Kalten Krieges wuchs das gegenseitige Misstrauen, die Fronten verhärteten sich und so häuften sich Missverständnisse und Fehlinterpretationen. Für die USA war die Politik der UdSSR aggressiv-expansionistisch. Ein bedeutender Schritt in Richtung der Blockbildung war der Marshall- Plan von 1947. Dazu kam außerdem die Gründung der NATO und des Warschauer- Paktes- jeder wollte den jeweils anderen übertrumpfen und das mit allen Mitteln. Die Chancen auf ein vereintes und neutrales Deutschland waren zerbrochen und so die Teilung der Welt in zwei Machtblöcke besiegelt.

Zum Höhepunkt und zur Eskalation des Kalten Krieges wurde der Koreakrieg von 1950 bis 1953. Nach dem Tod Stalins im Jahr 1953 begann der erste Entspannungskurs der UdSSR, der das Konzept der „friedlichen Koexistenz" (gleichzeitiges Nebeneinander) beinhaltete. Die Sowjetunion erhoffte sich dadurch, den Druck von außen zumindest ein wenig abzumildern. Nach einiger Zeit hatten sich die Streitkräfte mehr oder weniger gefertigt und ein verhältnismäßiges Gleichgewicht erreicht und so schuf man die Vorraussetzung für Zusammenarbeit und Entspannungspolitik. Doch der Rüstungswettlauf und die ideologische Auseinandersetzung gingen trotzdem weiter. Zu den Höhepunkten der folgenden Jahre gehörten der Bau der Mauer von 1961, die Kubakrise 1962, durch welche der Kalte Krieg fast zu einem heißen Krieg wurde und der Kampf um die neuen selbstständigen Staaten der Dritten Welt. Ab 1985 kam mit Perestroika und Glasnost unter Michail Gorbatschow das Ende des Kalten Krieges. Die Abrüstungsverhandlungen der beiden Weltmächte brachten erste greifbare und entscheidende Ergebnisse hervor. Sowohl die USA als auch die Sowjetunion setzten sich z.B. mit der globalen Sicherheit und der politischen Teilung Deutschlands auseinander. Ihr Ende fand die weltanschauliche Auseinandersetzung des Kalten Krieges zwischen USA und UdSSR mit der Auflösung des Ostblockes.

Ob die Trasse nun wirklich ein Kampf- bzw. Machtmittel des Kalten Krieges war, ist für mich auch nach intensiver Recherche nicht eindeutig. In verschiedenen Lexika steht, dass es sehr wohl ein Bereich des Kalten Krieges darstellte. Sie wollten durch ihre Teilnahme beim Bau der Erdgastrasse beweisen, was im Osten steckt und dem Westen zeigen, was in ihnen und ihrer Wirtschaft steckt. Die DDR ging beim Bau der Erdgastrasse an ihre wirtschaftlichen Grenzen und verbrauchte Staatsreserven.

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4.2. Perestroika und Glasnost

Um den Staat vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch zu retten, entschied man im April 1985 in der Plenarsitzung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei einen tief greifenden Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft. So legten die Abgeordneten die Grundsteine für Perestroika und Glasnost. Die Perestroika, welche von der Regierung unter Gorbatschow eingeführt wurde, erstreckte sich auf die Wirtschafts- und Investitionspolitik der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken sowie auf angrenzende Bereiche wie Wirtschaft und Technologie und sollte eine konkrete Strategie und ein systematisches Programm für die Entwicklung des Landes sein. Zum Ziel setzte man sich die Dezentralisierung (Übertragung staatlicher oder betrieblicher Aufgaben einer Zentrale an untergeordnete Stellen) des extremen zentralistischen Wirtschafts- und Planungssystem. Dieses Ziel wollte man durch das Einführen eines gewissen Maßes an örtlicher Autonomie und Selbstverantwortung erreichen. Dies bedeutete, dass man die Entscheidungen für den Staat selber treffen und auch für den Staat selbst verantwortlich sein wollte. Ein Vorzeichen für das Ende des Sozialismus?

Außerdem sollten durch die Perestroika Wirtschaftsunternehmen gestattet werden und man wollte Entscheidungen treffen ohne gleich politische Instanzen einschalten zu müssen. Durch Perestroika erhoffte man sich auch die Ermöglichung von privaten Unternehmenszusammenschlüsse und das Zusammenarbeiten mit ausgewählten ausländischen Gesellschaften.

Zusammenhängend mit der Perestroika wurde auch Glasnost von Michail Gorbatschow eingeführt. Glasnost kommt aus dem russischem und bedeutet „Offenheit". Die Reform sollte die restriktive (einschränkende) Politik der Sowjetunion lösen. Glasnost sollte durch öffentliche Diskussionen über politische Probleme, zur Kritik an der sowjetischen Politik und Gesellschaft ermutigen. Den Medien gewährleistete man größere Freiheit. So konnte man nun seine eigene Meinung zum Ausdruck bringen und zwar auch solche, für die man vor der Einführung der Reformen eigentlich verurteilt worden wäre. Außerdem durften nun auch die Fehler der sowjetischen Regierung aufgedeckt werden. So zum Beispiel der Kernkraftunfall in Tschernobyl von 1986, als ein Reaktor des Kraftwerks außer Kontrolle geriet und den bisher folgenschwersten Reaktorunfall auslöste.

Nach der Reformeinführung bewilligte Gorbatschow auch die Freilassung einer Reihe politischer Gefangener und die Auswanderung einiger Regimegegner und Dissidenten. Gorbatschows Ziel war, dass interne Diskussionen erzeugt werden sollten, um eine positive Haltung und Begeisterung der Bürger für seine Reform der Sowjetunion zu erzeugen. Perestroika und Glasnost ernteten immer mehr Kritik, als auch die Amtszeit Gorbatschows ihrem Ende zuging. Die Kritik erfolgte zum einen von jenen, denen die Reformen zu langsam voran gingen und zum anderen von denen, welche die Befürchtung hatten, dass Perestroika und Glasnost zur Zerstörung des bestehenden sozialistischen Regimes beisteuern und die UdSSR in die Anarchie stürzen würden. Auch wenn die Trassenerbauer sich damals in der Sowjetunion befanden, nutzten ihnen Perestroika und Glasnost recht wenig, da sowohl die eine als auch die andere Reform strikt von der Staatsführung der DDR abgelehnt wurden. An der Trasse ging es nur um die Erfüllung der baulichen Ziele.

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4.3 Wende und Wiedervereinigung

Auf das, was sich die DDR- Bürger zu Hause als auch an der Trasse nach den Ereignissen des 11. Septembers 1989 erhofften, als die ungarische Regierung die grüne Grenze öffnete, wurde am 9. November Wirklichkeit. Die Regierung, welche seit dem Rücktritt Erich Honeckers unter der Führung von Egon Krenz stand, konnte dem ständig steigenden Druck sowohl wirtschaftlich als auch politisch nicht mehr standhalten. Sie öffnete deswegen am 9. November 1989 die Grenzen der DDR- die Mauer fällt. Millionen von Menschen, egal ob BRD- oder DDR- Bürger stürzen die Mauer und feiern den ersten großen Schritt zur Wiedervereinigung Deutschlands. Tagelang feiern die Deutschen aus Ost und West ein Fest des Wiedersehens. Verwandte, die durch die Mauer seit 1061 getrennt waren fallen, sich unter Freudentränen in die Arme und können es kaum glauben.

Von den freudigen Ereignissen in der Heimat bekommen die Trassenerbauer im fernen sozialistischen Ausland nur vereinzelt etwas mit. Teilweise versucht man den Trassniks den Fall der Mauer sogar zu verheimlichen. Doch diese ahnen bereits das Eine oder Andere und wundern sich, als plötzlich viele Polit- Funktionäre verschwanden. Erst nach einer Woche erfahren die meisten Trassenerbauer durch zurückreisende Urlauber vom Mauerfall. Einige Arbeiter kamen auch nicht mehr zurück zur Trasse nach dem aufregenden November 1989.

Im April 1990 bildete der CDU- Politiker Lothar de Maiziere die erste demokratisch legitimierte Regierung der DDR. Unter seiner Führung fanden die Gespräche mit der Bundesregierung der BRD zur Wirtschafts- und Währungsunion statt. Diese trat dann am ersten Juli mit der Einführung der Deutschen Mark (DM) in der DDR in Kraft. Doch die Wende bedeutete für die Trassenerbauer nicht nur Reisefreiheit beziehungsweise Verwirklichung früher erträumter Chancen. Nein, für die Trassenerbauer kamen mit der Wende und der Wiedervereinigung einzig allein die Entlassungen. Nur wenige Trassniks blieben in Russland, da sie inzwischen eine Familie gegründet hatten.

Nach und nach reisten die Trassenerbauer zurück in die Heimat. Vielen fiel der Abschied schwer, anderen weniger, doch die Freude auf Daheim und die Neugier auf das Leben im freien, offenen und vereinten Deutschland erleichterten den Abschied. Was man durch den Arbeitseinsatz an der Trasse verpasst hatte, holten die meisten nach, wie zum Beispiel der Gang durch das Brandenburger Tor. Auf kurz oder lang beeinflusste das Ende der DDR auch das Ende des „Zentralen Jugendobjekts Erdgastrasse", zwar nicht abrupt, jedoch absehbar. 1993 waren die übernommenen DDR- Verträge zwischen der UdSSR und der BRD im Großen und Ganzen abgeschlossen und erfüllt. Das Vertragsende besiegelte das ENDE der Erdgastrasse.

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5. Menschlichkeit (eine Zeitzeugenbefragung)

5.1 Fragenkatalog

1)In welchem Zeitraum arbeiteten Sie am „Zentralen Jugendobjekt Erdgastrasse"?2)Was waren die Hauptgründe für Ihre Bewerbung?

3)Wie reagierten Freunde und Verwandte darauf, dass Sie beim „Großen Bruder" helfen bzw. arbeiten wollten?

4)Musste man Mitglied der Partei oder der Freien Deutschen Jugend (FDJ) sein, um an dem Projekt teilzunehmen?

5)Wo waren Sie untergebracht und wie waren die Verhältnisse in den Unterkünften?

6)Wie verlief ein Arbeitstag?

7)Welche Leistungen mussten erbracht werden?

8)Wurden die täglichen Arbeitsergebnisse manipuliert, um besser dazu stehen?

9)Wurden Sie während ihres Arbeitseinsatzes an der Erdgastrasse politisch „geschult"?

10)Welche Sondervergütungen konnte man in Anspruch nehmen, wenn man an der Trasse arbeitete?

11)Was verbinden Sie mit „Genex" ?

12)Wie lange musste man im Durchschnitt arbeiten, um Heimurlaub zu bekommen? Haben Sie ihn in Anspruch genommen?

13)Wann war für Sie eine gespannte, wann eine entspannte Phase beim Bau an der Trasse?

14)Sehen Sie das „Zentrale Jugendobjekt Erdgastrasse" als ein Symbol der Freundschaft politisch Gleichgesinnter (Kommunismus bzw. Sozialismus) ?

15)Haben Sie von den politischen Spannungen zwischen der DDR und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken mitbekommen?

16)Wurden Glasnost und Perestroika vor Ihnen verheimlicht?

17)Sehen Sie das Projekt als ein Kampfmittel im Kalten Krieg?

18)Wurde „Propaganda" gegen das kapitalistischen Ausland gemacht?

19)Standen Sie in Kontakt mit russischen bzw. ukrainischen Einwohnern?

20)Teilten sie die gleiche politische Meinung wie die Einwohner?

21)Fühlten Sie sich überhaupt als ein Freund des Sozialismus?

22)Wann und wo erfuhren Sie, dass die Mauer gefallen war?

23)Bereuen Sie im Nachhinein am „Zentralen Jugendobjekt Erdgastrasse" teilgenommen zu haben?

24)Was geht Ihnen als erstes durch den Kopf, wenn Sie an ihre Zeit an der Trasse, im oftmals Kalten Russland zurückdenken?

25)An was erinnern Sie sich heute noch gern und welche Ereignisse würden Sie lieber für immer aus Ihrem Gedächtnis streichen?

26) Stehen Sie noch in Kontakt mit ehemaligen Kollegen bzw. Genossen?

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5.2 Zeitzeugenbefragungen

Trassenerbauer Werner Lathan

Frage 1: Ich wahr von 1988 bis 1991 an der Trasse. In den verschiedenen Abschnitten.

Frage 2: Der Hauptgrund meiner Bewerbung war meine Scheidung. Es war der materielle Wunsch den ich mir selber gestellt habe.

Frage 3: Dazu kann ich bis heute keine Aussage treffen, als ich gegangen bin habe ich nicht um Erlaubnis gefragt. Lediglich meine Eltern waren habe es nicht gern gesehen das ich gegangen bin. Es ging aber nicht um den großen Bruder, es war allgemein, egal wohin ich gegangen währe.

Frage 4: In Bezug auf politische Zugehörigkeit kann ich nicht sagen. Ich wahr niemals Mitglied der FDJ, meine Mitgliedschaft erstreckte sich auf die NdPD, als Opposition. Das hatte aber keine Bedeutung auf meinen Einsatz.

Frage 5: Zur Unterkunft, hatte ich zwei. Eine Im Wohnlager, und ein Zimmer in der Stadt. Das hängt aber auch mit meiner Tätigkeit zusammen. In beiden Unterkünften wahr ich allein.

Frage 6: Mein Arbeitstag verlief im System, in Asien 12 Stunden Arbeit, 8 Stunden Schlaf, 4 Stunden Bereitschaft. Im Ural 12 Stunden Arbeit, 12 Stunden frei. In beiden Abschnitten wurde bis zur Wende an den Sonnabenden und Sonntagen gearbeitet. Nach der Wende habe ich dieses zwar fortgesetzt, aber das wahr die Ausnahme, nicht jeder konnte das. Dabei sind Schichten entstanden von 18 Stunden Arbeitszeit

Frage 7: Wenn es sich um den normalen Tagesablauf handelt, dann wahren gewisse Aufgaben zu erfüllen, wie in jedem anderen Betrieb auch. Es gab Vorgaben was erledigt werden musste. Bei mir speziell handelt es sich um die Instandhaltung von Baustelleneinrichtungen ( elektrische Versorgung ) Instandhaltung von Kran und Aufzugsanlagen und andere Einrichtungen. Heute würde man sagen ich wahr als Service Monteur im Rahmen meiner Fähigkeiten vor Ort.

Frage 8: Ob Ergebnisse manipuliert wurden vermag ich nicht zu beurteilen. Ich weiß nur von mir zu berichten. Das es meine Aufgabe wahr die Technik in Ordnung zu halten, damit die Produktion nicht steht. Da haben manchmal die 12 Stunden Arbeitszeit nicht gereicht. Ich denke manchmal wurde mehr und manchmal weniger geleistet. Aber im Durchschnitt gesehen wahr es schon so wie es die Zahlen wiedergeben. Zumindest weiß ich, das die russische Seite ständig Kontrollen und Abnahmen gemacht hat. Es durfte keine Zeitverzögerungen geben.

Frage 10: Sondervergütung wahren; der Lohn in der Heimat, ( höher als zu Hause, bedingt durch Auslöse ), die Zahlung von Rubel vor Ort ( als Lebensunterhalt gedacht ), die Genex Rubel auf einem Sparkonto ( Analog wie bei der Seefahrt , nur mit dem Unterschied hierbei hat es sich nicht um Devisen gehandelt )

Frage 11: Zu Genex habe ich keine besondere Beziehung. Es wahr ein Mittel um Gelder anzusparen und dafür etwas aus einem Katalog zu kaufen. Aber als besonderen Anreiz habe ich es nie betrachtet.

Frage 12: Um Heimurlaub zu bekommen wahr es bei mir nicht wichtig wie lange ich dafür arbeiten musste. Mir wahr es egal. Ich hatte keine Sehnsucht nach der Heimat. Einmal im Jahr bin ich zu Hause gewesen und auch nur für drei Wochen. Es wahr meine Entscheidung das ich nicht gefahren bin.

Frage 13: Es gab Engpässe zwischen den Russen und unserem Leistungsverhalten. Wir wahren teilweise für die Russische Seite zu schnell mit unseren Leistungen. Das hing aber damit zusammen, das die russische Seite mit der Projektierung nicht nachgekommen ist. An diesen Stellen kam es zu Behinderungen. Aber mehr ist mir dazu auch nicht bekannt.

Frage 14: Nein das sehe ich nicht so. Für mich ist es ein Symbol der Zusammenarbeit verschiedener Völker mit einem gemeinsamen Interesse.

Frage 15: Von den politischen Spannungen habe ich nichts gemerkt.

Frage 16: Glasnost und Perestroika haben mir bis heute nichts bedeutet. Was für mich zählt ist Leistung. Ob der Normale russische Mensch in den abgelegenen Teilen Russlands davon etwas zu spüren bekommen hat, ist zweifelhaft.

Frage 17: Ich sehe das Jugendobjekt nicht als ein solches Instrument. Ich denke hier ging es einfach um Notwendigkeiten, der aller beteiligter Staaten Rechnung getragen haben. Warum sonst strömt noch heute Gas und Öl aus den Regionen in denen wir tätig wahren. Ich denke hier haben wirtschaftliche Interessen eine Rolle gespielt.

Frage 18: Ist mir persönlich nichts besonderes bekannt. Parolen diese Art habe ich nicht gesehen. Das einzige was ich dazu weiß, der Kontakt zu Monteuren aus der BRD wahr nicht erwünscht, aber auch nicht verboten. Jedenfalls was mich betrifft.

Frage 19: Ich hatte am Standort Asien wenig Kontakt zur russischen Bevölkerung. Mein Einsatzort lag in der Steppe. Mehr Kontakt hatte ich zu Tschechischen Bauleuten. Wir haben zusammen in einem Camp gewohnt. Im zweiten Standort habe ich sehr viele Kontakte zur russischen Bevölkerung bekommen. Auch Kontakte zu russischen Betrieben sind entstanden. Es wahr eine gute Zusammenarbeit.

Frage 20: Über Politik habe ich mit russischen Leuten nicht gesprochen, das Thema wahr nicht wichtig.

Frage 21: Man darf nicht vergessen, das ich unter sozialistischen Verhältnissen erzogen wurde und aufgewachsen bin. Meine Ausbildung verdanke ich diesen Verhältnissen. Ich habe mich zwar niemals dieser Politik gebeugt, aber ich habe auch sehr viel dazu beigetragen, um die Verhältnisse zu verbessern. Es ist nicht die Frage bin ich Freund oder nicht. Vielmehr was kann ich tun um schlechtes zu verbessern.

Frage 22: Das die Mauer gefallen ist habe ich in Russland erfahren.

Frage 23: Ich bereue nichts. Wenn ich heute noch einmal eine Wahl hätte ich würde wieder gehen.

Frage 24: Wenn ich an das ,, kalte Russland ,, denke, gehen mir als erstes die schönen heißen Sommer durch den Kopf. Die Natur in ungeahnter Größe. Die Weite der Berge, die Größe der Flüsse und das Leben was wir dort gefunden haben.

Frage 25: Ich kann nichts weiter dazu sagen. Es wahr eine harte aber auch eine sehr schöne Zeit. Was soll ich vergessen, die Umstände unter denen wir gearbeitet haben. Heute ist es auch nichts anderes. Niemals werde ich etwas vergessen, weder das eine noch das andere.

Frage 26: Ich stehe heute noch mit vielen ehemaligen Kollegen und auch Leuten aus Russland in Kontakt. Unter anderem auch mit Deinem Onkel.

Zusatz: So den Fragebogen habe ich soweit beantwortet. Ich kann darin aber nichts erkennen, wie Deine Frage lautet ,

warum Dein Onkel seine Familie verlassen hat um in weiter Ferne zu leben.

An dieser Stelle werde ich nicht für Deinen Onkel antworten, sonder nur für mich [...]

Der Grund warum wir- Die Trassenleute- so zusammenhalten, ist wohl einfach zu benennen. Auf engstem Raum mit eigener Kraft und dem notwendigen Zusammenhalt haben wir das vollbracht, was man das Jahrhundert Bauwerk nennt. Es ist der Schweiß, das Blut und die Liebe zu dem, was uns verbindet.

Was Deinen Onkel betrifft, so denke ich Du kannst Du stolz sein, einen solchen Onkel zu besitzen. Einen Mann der für seine Liebe zu einer Frau auch einsteht. Das ist der eigentliche Sinn wenn wir von der Trasse reden, zu dem zu stehen was wir meinen. Deswegen wahren die meisten Leute dort.

Trassenerbauer Helfried Hainke

Frage 1: Ich war von 03 bis 11/85 in Gornosawodsk für 2 Zyklen und 1989 3 Monate in Polasna/Dobrijanka im Technikbüro von IKR als Technischer Leiter / Technologe / Konstrukteur / Projektant tätig.

Frage 2: In meinem Betrieb IKR (Industrie- und Kraftwerksrohrleitungen) wurden erfahrene Ingenieure für eine leitende Tätigkeit gesucht, da habe ich gesagt, dass ich das machen würde und schon war ich in der Mühle drin. Es folgte ca. 1 Jahr der Überprüfung. Dann kam die Bestätigung, die Ausstellung des Reisepasses und ab ging's.

Dazu muss man der heutigen Generation erklären, dass ein Reisepass für DDR-Menschen die absolute Ausnahme war. Wir waren ja auch erfolgorientiert, wollten weiterkommen. Da war der Erhalt eines Reisepasses ein wichtiger Schritt. So bekam ich dann später weitere Auslandseinsätze. Aber nicht im Westen, dem kapitalistischen Ausland. Übrigens wurde einem der Reisepass in der Heimat sofort abgenommen und in der betrieblichen Reisestelle sicher aufbewahrt. Damit man keine Republikflucht begehen konnte! Das ist für heute unfassbar!

Schön, dass es anders geworden ist und sich jeder frei bewegen kann!

Frage 3: Niemand hat mich verurteilt, es war eher eine Hochachtung, dass man das auf sich genommen hatte. Es bedurfte auch einer starken Familie, denn nicht alle halten die monatelange Trennung aus.

Ich danke heute noch meiner Frau mit der ich nun 41 Jahre verheiratet bin.

Frage 4: Nein. Ich war weder das eine noch das andere.

Frage 5: Wir wohnten in schönen, ferngeheizten Baracken. Andere auch in Bauwagen, die die Bewohner mit Braunkohlenbriketts selbst heizen mussten. Als in der Verdichterstation Gornosawodsk sehr viele Trassenerbauer vor Ort waren und das Wohnlager nicht alle fassen konnte, mussten einige in der ca. 15 km entfernten Stadt Gornosawodsk nächtigen. Das bedeutete morgens und abends eine zusätzliche An- und Abreise von/ zu der Baustelle von jeweils etwa 1 Stunde.

Frage 6: Meine Aufgabe bestand in der technischen und technologischen Begleitung der Montage. Die Montageunterlagen für die Verdichterstationen waren so was von mangelhaft, dass ein gelernter Rohrleitungsprojektant an dieser Stelle erforderlich war.

Die Montagekollektive (Bauleiter, Meister, Schweißer, Rohrleger u.a.) waren darauf angewiesen.

So wie es bei jedem Hausbau ist. Erst das Projekt, dann kann gebaut werden.

Viele Probleme waren eigenverantwortlich zu lösen. Da es nicht möglich war in der Heimat nachzufragen, musste man eben vor Ort entscheiden. Aber das Trassengesetz "Geht nicht, gibt's nicht" galt für jeden, auch für mich. So habe ich mir von der sowjetischen Bauleitung die Unterlagen besorgt, da ging es dann. Im Vorteil war man, wenn man in der Schule aufgepasst hatte und russisch lesen konnte. Mein Schulwörterbuch half mir dabei. Auch die Konsultationen, die ich mit dem Chefingenieur für die Gasoprowod aus Kiew durchgeführt habe, waren eine Hilfe. Anfangs noch mit Unterstützung des Dolmetschers, dann später auch nur wir zwei! Techniker verstehen sich, auch bei Sprachproblemen. Er erklärte mir auch den Unterschied zwischen Russen und Ukrainern, das hilft mir heute beim Verständnis der politischen Zusammenhänge in der Ukraine.

Frage 8: Mir ist davon nichts bekannt, habe selbst die Meldungen über den Stand der Arbeiten (z.B. Anzahl der Schweißnähte) abgeben müssen. So als Überblick wie wir im Zeitplan liegen.

Frage 9: Nein. Bevor die 1.Ausreise an die Trasse erfolgte habe ich lediglich einen so genannter Trassenlehrgang besucht, wo über Verhältnisse, Verhaltensmaßregeln sowie Bedingungen informiert wurde. Im täglichen Alltag dort gab es keine politischen Schulungen.

Was auf den Parteiversammlungen gesagt wurde weiß ich nicht.

Frage 10: Das war zum einen die Verpflegung an den Standorten, die bestens war, davon konnte man in der DDR nur träumen. Und die GENEX-Rubel, die auf einem Konto angesammelt wurden. Das waren 3 Rubel täglich und entsprach 9,60 Mark auf dem Konto. Ich habe dadurch einen PKW-Anhänger HP400 und die komplette Badezimmerausstattung (Badewanne, Toiletten- und Waschbecken) für das Haus, das ich 1986 gekauft habe, bekommen. Alle Artikel waren in einem Ost-Genexkatalog, der das Lieblingslesebuch aller Trassenerbauer war. West-Genex gab es nicht!

Frage 11: Genex war das Lieblingswort. Ich sage DANKE. Ob es gerecht war, na ja?!

Frage 12: Der Urlaub war schon wichtig. Wer Familie hatte, für den war das sehr wichtig. Irgendwie war man nach 3 Monaten und fast jeden Tag auf Arbeit doch verbraucht und musste den Akku wieder aufladen.

Frage 13: Arbeitsmäßig gab es für mich keine entspannte Phase. Ich kam immer hin, als alles eigentlich schon zu spät war. Ich habe geschindert, damit ich der Montage immer einen Schritt voraus war, musste Probleme vorher erkennen. Denn ein Montagestillstand durfte nicht eintreten. Die Termine waren wie ein Damoklesschwert!

Oft habe ich mir sonntags ganz allein den Luxus geleistet. So konnte ich nach Dienstschluss in der so genannten Varianthalle ein Stück Kuchen, Kaffee und einen Kognak genießen. Dazu eine Schallplatte oder ein Buch aus der Bücherei. Das war meine Art auszuspannen und auf andere Gedanken zu kommen. Abschalten!

Frage 14: Im Nachhinein wird natürlich alles verklärt, wird das Schlechte vergessen und das Schöne behalten. So, wie es im normalen Leben ist. Aber die Gemeinsamkeiten, die Tage der Arbeit und der Freizeit, die verbanden und wirken bis heute nach.

Immerhin waren auf engstem Raum viele Menschen aus den unterschiedlichsten Gegenden und aus verschiedenen Gewerken zusammen. Da gab es selbstverständlich Probleme, die aber immer gelöst wurden, weil ja alle in der gleichen Situation waren.

Fern der Heimat, Arbeit fast jeden Tag, tägliche Enge mit den Kollegen. Da gab es schon den "Trassenkoller", man hörte "Stimmen" usw.

Gut war der dran, der seinen Partner mit hatte oder einen gefunden hatte. Oft wurde im russischen Umfeld eine Partnerin gesucht, einige haben diese dann auch geheiratet und leben gemeinsam jetzt in Deutschland.

Nur wer "dabei" war, kann dies nachfühlen, es ist nicht erklärbar.

Frage 15: Nicht so richtig, obwohl die DDR-Bauleitung einen sehr großen Respekt vor den "Freunden" hatte. Nach dem Motto: Der große Bruder ist unfehlbar!

Frage 16: Nur soviel, dass es ja den "Sputnik" gab, das war ein in deutsch gedruckter russischer Riders Digest. Da war sehr viel von den Veränderungen im Land zu lesen. Den "Sputnik" hatte man 1989 in der DDR schon nicht mehr bekommen. Als ich im Frühjahr nach Dobrijanka/Polasna kam, gab es den Sputnik auch. In Perm war ein Laden, wo die deutschen Exemplare verkauft wurden. Die parteigeführte DDR-Bauorganisation kaufte aber alle auf und hielt sie unter Verschluss. Der rote Adel legte auch da fest, was dem niederen Volk dient oder besser, was nicht gut ist.

Roter Adel das waren die Leute, die in der SED waren und immer mit dem Zusatz Gen.(Genosse) genannt wurden. Zur Unterscheidung zu den parteilosen, die die Bezeichnung Koll.(Kollege) hatten.

Frage17: Nein, eher als Versuch der herrschenden Klasse, der Partei- und Staatsregierung der DDR, sich zu beweisen, dass wir alles können, koste es was es wolle. Ein Prestigeobjekt also.

Frage 18: Nein.

Frage 19: Ich hatte in Gorno das Glück, sehr schnell im Territorium eine Familie zu finden. Da bin ich dann mindestens einmal pro Woche den Partisanska Doroga(ca. 1,5 km) durch den Wald nach Koiwa, das direkt an der Bahnstrecke nach Nishni Tagil liegt, gegangen. Habe dort die russ. Gastfreundschaft genießen können. Das war besser als am Brett zu hängen und immer die gleichen Gespräche über Geld und Lohngruppen zu führen. Habe dort auch mit den Kindern gespielt, war mit meinem Freund Jura zur Jagd (den ganzen Tag das schwere Gewehr geschleppt!) und konnte auch Fußball-Europapokal im TV sehen. Natürlich auch Pelmeni gegessen und Kartoffeln direkt aus der Erde auf den Tisch - eine Leckerei!

Mit der Albina, die damals 4 Jahre alt war, habe ich gespielt, auch "Peter und der Wolf" gesungen. 1989 in Polasna hatte ich nie Zeit um in das Territorium zu gehen, da die Arbeitsaufgabe meine Zeit ausfüllte.

Frage 20: In den Gesprächen waren wir uns einig, auch gab es die gleiche Einstellung zu den Parteibonzen. Beispiel: mein Freund Jura hatte mit seiner Maschinka (ein Lastwagen) einen Unfall. Er bekam Fahrverbot. Ein Parteigenosse, der das gleiche Vergehen hatte nicht!

Frage 21: Kann ich nicht sagen. Sozialismus war ein schöner Traum, aber nie zu verwirklichen. Mit Sozialismus wurde nur eine andere Art zur Beherrschung des Volkes durch eine sich selbst erhobene Elite bezeichnet. Die Partei war immer unfehlbar, wer was anderes sagte, war ein Klassenfeind und wurde dementsprechend behandelt. Also galt der Spruch meiner Eltern: Sauf dich voll, friss dich dick und halte dein Maul von Politik!

Frage 22: Da war ich nicht an der Trasse, also daheim.

Frage 23: Nein, es war eine schöne Zeit.

Frage 24: Russland ist ein schönes Land. Sommer und Winter haben ihren Reiz. Der Ural, wo ich war, ist eine traumhafte Gegend. Alles was ich vorher von dem Land wusste, war nichts, ist völlig neu durch den Aufenthalt dort geordnet worden. Zum Beispiel wie es möglich ist, dass bei dieser Kälte Mensch und Tier überleben kann. Man bedenke, Dauerfrostoden und Vegetationsmöglichkeit nur von Juni bis September. Lediglich in dieser Zeitspanne hat die Natur Zeit zu blühen, Frucht anzusetzen, sich somit zu erhalten. Ich bin im Sommer oft nach Arbeitsschluss von der Verdichterstation zum Wohnlager durch den Wald gelaufen und konnte dort die sich täglich veränderten blühenden Wiesen bewundern. So wie in den Märchenfilmen.

Frage 25: Ich erinnere mich vor allem an die Erlebnisse im "Territorium", obwohl wir von unserem Sicherheitspersonal immer wieder gewarnt wurden, dass wir uns in Gefahr begeben würden. Aber gerade das hat mich bewogen alles mitzunehmen, was uns geboten wurde. So waren wir regelmäßig zu Kulturveranstaltungen im Kulturhaus Gornosawodsk, natürlich auch zu Tanzveranstaltungen, dem "Stehtanz" oder "Steher" genannt. Deshalb Steher, weil es keine Tische und Stühle gab, alles nur stand oder tanzte. Alkohol für die Einheimischen wurde nicht ausgeschenkt. Trotzdem waren die Jungs immer besoffen! Auch die Teilnahme an der Demonstration anlässlich des 1.Mai und 9.Mai waren unvergessliche Erlebnisse. Das Schönste waren aber vor allem die Besuche in "meiner" Familie, mit der ich heute noch briefliche Verbindung habe. Zur Zeit ist von uns wieder ein Paket dahin unterwegs. Es soll zum Jolkafest dort sein. Vergessen kann ich nichts, es wird ewig in meinem Herzen sein.

Frage26: Ja, mit einigen damaligen Kollegen bin ich immer noch in Kontakt.

Trassenerbauer Olaf Münchow

Frage 1: An der Trasse war ich vom 16.12.1982 bis 26.06. 1989 also 6 ½ Jahre.

Ich habe an allen 3 Bauabschnitten der EGT ( Ukraine, Moskauer Bauabschnitt und Perm ) gearbeitet.

Frage 2: Ich hatte großen Liebeskummer und wollte ganz einfach weit weg von der DDR. Kurz vor der geplanten Hochzeit hatte mich meine große Liebe verlassen. Die Trasse kam mir da gerade recht.

Frage 3: Na alle waren stolz!!

Frage 4: Nein, man hatte jedoch bessere Chancen, wenn man Mitglied der FDJ war.

Frage 5: Untergebracht waren wir zum Teil in mobilen Wohnlagern, in Wohnwagen (hauptsächlich beim Linearen Teil ) und ansonsten in komfortablen Baracken oder Wohnblocks, die von uns errichtet wurden.

Frage 6: An der Trasse war ich als Clubleiter beim HAN- Kultur beschäftigt. Unsere Arbeit bestand darin in den Wohnlagern Freizeitaktivitäten zu organisieren. Kino, Disco, Bibliothek, Nachrichtensendungen, Beschallung von Speisesälen, Exkursionsfahrten, Konzerte von

DDR- Bands , Modenschauen, Fasching , Feiertagsveranstaltungen uvm. Mussten von uns organisiert und durchgeführt werden.

Frage 7: Jeden Tag betrug die tägliche Arbeitszeit 12 h bei 6 Tagen harter Arbeit in der Woche.

Frage 8: Nein ganz im Gegenteil.

Frage 10: Sondervergütungen waren das Genex-Konto in der Ukraine, am Moskauer Bauabschnitt 20 DDR Mark Trassenzuschlag, welcher in Perm 25 DDR Mark betrug.

Zusätzliche Sondervergütungen waren nach 3 Jahren ein Bezugsschein für ein Auto sowie nach 5 Jahren ein Berechtigungsschein zum Bezug einer Wohnung

Frage 11: Genex war super .Mann konnte dort Sachen kaufen die es sonst nicht gab. Unter anderem Lebensmittel und Konsumgüter aus dem „Westen".

Frage 12: Gearbeitet wurde meistens 12 Wochen a 6 Tage mit 12 h. Die VAZ

( Vorarbeitszeit )wurde einem gutgeschrieben und dann nach dem der Jahresurlaub alle war als Freizeit zu Hause abgegolten.

Frage 13: Eine gespannte Phase war für mich die Zeit des Urlaub. Ich konnte nicht früh genug wieder zurück an die Trasse. Wenn ich dann dort war begann die entspannte Phase

Frage14: Symbol der Freundschaft? Auf alle Fälle!

Frage 15: Nein.

Frage 16: Man hat es versucht und auch zum Teil geschafft.

Frage17: NEIN!!

Frage 18: Nein.

Frage 19: Ja. Kontakte waren bei mir teils offiziell mit Komsomol oder privater Natur.

Frage 21: Na schlecht war er nicht unbedingt. Mann hätte ihn etwas verändern müssen.

Frage 22: Ich war zu dem Zeitpunkt schon zu Hause. Skeptisch!

Frage23: NEIN, ganz im Gegenteil! Es erfüllt mich heute noch mit Stolz!!

Frage 24: Freundschaft, Kameradschaft, eine Menge Freude , ein wunderschönes Land uvm.

Frage 25: Für mich gibt es nichts was ich aus dieser Zeit missen möchte. Sie war die schönste meines Lebens!!!!!!!!!!!!!!!

Frage 26: Ja mit sehr vielen. Mein gesamter Freundeskreis besteht aus Trassenleuten. Wir feiern öfters im Jahr zusammen, sind Silvester zusammen. Außerdem bin ich mit meiner Frau die auch an der Trasse und unserer Tochter die in Russland gezeugt wurde bei fast allen Trassentreffen anzutreffen.

Zusatz:

Abschließend möchte ich sagen, dass die Zeit an der Trasse wohl jeden geprägt hat der da war.

Mann war eins dort. Mann hat sich gegenseitig geholfen in schwierigen Situationen, man hat gelacht , geheult und manchmal auch tierisch einen gesoffen. Und am nächsten Tag ging es weiter. Ich bin froh dort gewesen zu sein und würde - wenn es die Möglichkeit gäbe- auch sofort wieder hin gehen. Die Zeit trägt einen roten Stern im Haar!

Trassenerbauer Herwig Gundlach

Frage 1: Von Januar 1986 bis Juni 1991 arbeitete ich an der Trasse.

Frage 2: Zum einem wollte ich eine Menge Geld verdienen und zum anderen zog mich die Abenteuerlust ins ferne "sozialistischen Ausland". Außerdem träumte ich schon damals von einem eigenen Auto für mich und meine Familie in der Heimat.

Frage 3: Die ganze Familie war irgendwie stolz auf mich, aber auch verunsichert und zum Teil ängstlich, da ich soweit von zu Hause entfernt war.

Frage 4: Es war nicht vorgeschrieben Mitglied der Partei oder der FDJ zu sein, doch wenn man's war war es nicht schlecht!

Frage 5: Alle Unterkünfte waren sehr gut ausgestattet und von bester Qualität, schließlich wurden sie von uns aufgebaut und eingerichtet!

Frage 6: Meine Aufgaben lagen am Anfang meiner Trassenzeit in der Be- und Entladung der Waggons aus der Heimat und später erledigte ich Transportarbeiten.

Frage 7: Jeder von uns musste täglich die angesetzten Normen erfüllen und diese hingen von Einsatzort ab.

Frage 8: Soweit ich es mit bekommen habe wurden zumindest bei uns die täglichen Arbeitsergebnisse manipuliert. War halt so!

Frage 9: Man wurde vor und während des Arbeitseinsatzes am „Zentralen Jugendobjekt Erdgastrasse" politisch geschult.

Frage 10: Wir Trassenerbauer konnte eine Art Genexkonto in Anspruch nehmen. Außerdem erhielten wir bereits nach drei Jahren eine Autobezugskarte, auf welche die Genossen zu Hause oft zwölf oder mehr Jahre warten mussten. Einen Wohnungsbezugschein erhielten die Trassniks, die fünf Jahr an der Trasse waren.

Frage 11: Mit dem Wort Genex verbinde ich zunächst das Bestellen von Waren per Katalog. Persönlich konnte ich mir dadurch eine Stereoanlage kaufen, die noch heute wunderbar läuft.

Frage 12: Nach dem man drei Monate am Stück gearbeitet hatte konnte man dann für einen Monat in der Heimat Urlaub machen. Ja ich habe ihn in Anspruch genommen, da ich froh war, wenn ich endlich Urlaub hatte. Als ich später meine jetzige Frau kennengelernt hatte reduzierte ich meinen Heimurlaub jedoch ein wenig.

Frage 13: Für mich und die anderen in Tschaikowsky herrschte eigentlich immer eine angespannte Phase, da die Termine immer drückten.

Frage14: Ja unbedingt.

Frage 15: Nein in keiner Weise.

Frage 16: Warum sollten sie es vor uns verheimlichen? Schließlich waren wir im Grunde genommen mitten drin und hätten es so oder so mitbekommen.

Frage17: Nein in keiner Weise.

Frage 18: Na logisch- wir waren DDR- Bürger im sozialistischen Bruderland.

Frage 19: Ja ich hatte Kontakt mit russischen Einwohner. Dadurch habe ich meine heutige Frau Irina kennen gelernt.

Frage 20: Ja, doch meistens unterhielten wir uns nicht über politische Angelegenheiten.

Frage 21: Ja natürlich. Ich bin im Sozialismus aufgewachsen und sah das alles als total normal an, schließlich waren wir es nicht anders gewohnt.

Frage 22: Wiederkehrende Urlauber aus der Heimat erzählten es uns eine Woche später.

Frage23: Nein auf keinen Fall. Ich bin einfach nur stolz darauf, dass ich die Chance hatte dabei gewesen sein zu dürfen- am grössten Bauobjekt der Welt!

Frage 24: Zunächst fällt mir da der starke kollegiale Zusammenhalt untereinander ein und dann natürlich die Weite und Schönheit des Landes sowie das erlebte Abenteuer und die Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit der Einwohner!

Frage 25: Es war die präsente und schönste Zeit meiner Jugend, die ich nie missen möchte.

Frage 26: Ja und zwar nicht zu knapp.

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5.3 Auswertung

Beim Recherchieren stieß ich auf die Seite „Trassegästebuch". Hier konnte ich anfragen, ob mir ehemalige Trassenerbauer Fragen zu meiner Facharbeit beantworten würden. Das Entgegenkommen war sofort vorhanden und so stellte ich den Fragenkatalog ins Netz. Leider würde das Einfügen aller Antworten den Umfang der Facharbeit übersteigen, so dass ich nur Beispiele eingefügt habe. Um die Antworten den Fragen besser zuordnen zu können, kann die beiliegende Folie des Fragenkataloges mobil genutzt werden.

Beim Auswerten fiel mir gleich auf, dass der Ehrenkodex für alle Trassenerbauer von großer Bedeutung war und ist. Der Zusammenhalt untereinander und für das zu stehen, was man meint sind nicht nur leere Worte bei den Trassniks. Außerdem lebte man nach dem Trassengesetz: „Geht nicht gibt's nicht!" Nur so war die harte Arbeit unter extremen Bedingungen zu schaffen. Die Beweggründe für den Einzelnen, zur Trasse zu gehen, waren unterschiedlich, so wie die Beschäftigungszeiträume. Die Bedingungen vor Ort, Leistungen zu vollbringen, aber für alle gleich schwierig. Im Bekanntenkreis wurde man für seinen Trasseneinsatz nicht abgewertet, Hochachtung vor der schweren Tätigkeit und der großen Entfernung spürten die Trassenerbauer.

Zu erkennen war für mich auch, dass die politische Ebene keine besondere Rolle spielte, sondern zum Alltag gehörte. Alle Trassenerbauer wuchsen im Sozialismus auf und waren so an die Umstände gewöhnt. Politische Zugehörigkeit spielte bei einer Bewerbung keine Rolle, denn nur das Können war entscheidend. Symbol Gleichgesinnter war die Erdgastrasse, Symbol der Menschen, die ein Wirtschaftsobjekt realisieren wollten(siehe Trassenhymne). Die Unterkünfte unterschieden sich kaum, waren spartanisch eingerichtet- die Verpflegung luxuriös. Nahrungsmangel gab es nicht, man war sogar verschwenderisch. Die Kritiken zur Verschwendung gab es zwar, die Funktionäre ignorierten es aber. Ob sie wohl dachten: „Wer schwer arbeitet, muss gut essen können!" Alleinsein war selten.

Die Trassenerbauer hatten einen eigenen Arbeitsrhythmus. Man leistete, was möglich war- auch in Abhängigkeit vom Material und geographischen Gegebenheiten Politische Spannungen oder Veränderungen wurden von den Politfunktionären gern verschwiegen, so dass es letztendlich um die Planerfüllung ging. Zurück bleiben fast nur die schönen Erinnerungen, wie auch sonst im Leben. Es wird nichts bereut, jeder Trassenerbauer hat seine eigene Erfahrung an der Trasse gesammelt und könnte selbst ein Buch füllen. Kontakte gibt es auch heute- es ist eine Art Klassentreffen nach all den Jahren.

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6. Abschlussbetrachtung

Welche Gedanken gehen mir nun zum Ende meiner Facharbeit durch den Kopf? Als erstes fallen mir dabei, wie schon in der Einleitung erwähnt, die netten, hilfsbereiten und offenen ehemaligen Trassenerbauer ein. Während meiner Arbeit halfen sie mir in vielen Punkten sehr und hatten immer ein offenes Ohr für mich und meine Fragen. Besonders möchte ich meinem Onkel danken, den ich des öfteren mit meinen Fragen und Anliegen löcherte. Außerdem möchte ich mich bei Helfried Hainke, Werner Lathan, Olaf Münchow und „Locke" für die Antworten auf meine Fragen bedanken.

Meine Kontakte konnte ich mithilfe der modernen Technik(E-Mail) ermöglichen. Die Materialfindung stellte sich im Laufe der Zeit als sehr schwierig dar. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass Dokumente und Fakten dieses ZJO zusammen mit der DDR verschwanden. Wie wichtig ist es da, Recherchen und Befragungen von Zeitzeugen(„Trassniks") durchzuführen! Zu erkennen war auch, dass die Trassenerbauer nicht alles preisgeben wollen. Sie wollen bestimmte Ereignisse und Punkte ihrer gemeinsamen Geschichte für sich behalten- als ein Symbol der Verbundenheit. Die Trassenerbauer verdienen großen Respekt, auch dass man sie und ihre geleistete Arbeit nicht vergisst. Sie haben in den Jahren an der Trasse wahre Arbeit geleistet und das unter den härtesten Bedingungen. Sie alle schrieben ein Stück DDR- Geschichte. Das „Zentrale Jugendobjekt Erdgastrasse" war für die damalige Deutsche Demokratische Republik und für die teilnehmenden Jugendlichen eine echte Herausforderung. Dass die Erdgasleitungen noch heute in Betrieb sind und Gas in den Westen transportieren, ist ein Beweis für die gute und ehrliche Arbeit von jungen Menschen.

Einer meiner Hauptgründe zum Schreiben der Facharbeit über die Erdgastrasse war herauszufinden, was meinen Onkel ins entfernte Tschaikowsky, am Fuße des Urals, verschlug. Werner Lathan hat mir besonders dabei geholfen und mir versucht klar zumachen, warum mein Onkel in Russland blieb. Natürlich wusste ich, dass meine Tante einer der Gründe dafür war. Doch Herr Lathan hat mir klar gemacht, dass ich stolz auf meinen Onkel sein kann. Denn er hat das getan, was die Trassniks meinen, wenn sie von der Trasse reden: „Zu dem zu stehen, was sie meinen!" Ich bin stolz auf meinen Onkel, besonders jetzt, wo ich weiß was er alles an der Trasse vollbrachte. Natürlich vermisse ich ihn, sowie meine Tante und Cousinen, doch ich weiß, dass er glücklich in Tschaikowsky ist. Durch die Facharbeit konnte ich diesem Teil meiner Familie etwas näher sein.

Ob die Trasse nun wirklich ein Kampf- bzw. Machtmittel des Kalten Krieges war, ist für mich auch nach intensiver Recherche nicht eindeutig. In verschiedenen Lexika steht, dass es sehr wohl ein Bereich des Kalten Krieges darstellte. Bei der Zeitzeugenbefragung wurde mir klar, dass die Trassenerbauer sich und ihre Arbeit ganz und gar nicht als ein Machtmittel im Kalten Krieg sahen. Meine persönliche Meinung dazu ist, dass die DDR natürlich Erdgas brauchte. Dabei haben sie jedoch gleich „zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen". Sie wollten durch ihre Teilnahme beim Bau der Erdgastrasse beweisen, was im Osten steckt und dem Westen zeigen, was in ihnen und ihrer Wirtschaft steckt. Ob es sich wirtschaftlich wirklich für die Deutsche Demokratische Republik gelohnt hat, ist für mich jedoch fraglich. Die DDR ging beim Bau der Erdgastrasse an ihre wirtschaftlichen Grenzen und verbrauchte ihre Staatsreserven. Gelohnt hat es sich für die DDR also nicht wirklich, zumal die Gewinne durch die Wiedervereinigung an das vereinigte Deutschland gingen.

Für mich steht das „Zentrale Jugendobjekt Erdgastrasse" als ein Symbol Gleichgesinnter. Die politische Einstellung spielte meiner Meinung nach jedoch bei keinem der Bewerber eine große Rolle. Durch die gemeinsame Arbeit an der Trasse fanden verschiedene Kulturen zueinander und bauten sich Freundschaften auf, die oft noch bis heute anhalten. Auch internationale Familiengründungen fanden dadurch statt. Für die meisten Trassenerbauer war die Arbeit an der Trasse sehr interessant und vor allem prägend für das weitere Leben. Keiner von ihnen möchte diese Zeit missen und alle sind stolz auf das Geleistete.

Während meiner Recherche ist mir aufgefallen, dass man in verschiedenen Medien viel mehr über die „Drushba- Trasse" finden kann. Beide Trassen in eine Facharbeit zu „packen" wäre jedoch nicht machbar aufgrund der hohen Quantität.

Meine Facharbeit über die Erdgastrasse weckte mein Interesse, an einem Trassentreffen teilzunehmen. Außerdem würde ich sehr gerne zu meinem Onkel nach Tschaikowsky fahren und gemeinsam mit ihm Orte der Trasse aufsuchen.

Trasse- was war das? Diese Frage stellen sich viele meiner Mitschüler und Bekannten und ich hoffe, dass ich ihnen mit dieser Facharbeit eine Antwort auf diese Frage geben kann.

Mich würde es freuen, wenn sie beim Wort Trasse nicht mehr denken „Trasse was war das?" sondern „Trasse- das war was!"

^^^hoch^^^

©Juliane Aronia Fröhlich