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23.   DIE DORFHOCHZEIT

(Aus Abenteuer Erdgastrasse, Teil 2, Autor Thomas Burow, noch nicht erschienen)

Gleich nach dem Abendbrot betrat ein Kollege der Objektwache unser Zimmer und brachte eine Schippe mit. („Schippe“ oder auch „Schippenstiel“ - boshafte Bezeichnung eines Kollegen vom „BMK“) „Das ist Berti. Er möchte mal mit dir reden.“ Mit diesen Worten schob der Wachmann die Schippe in meine Richtung. Wir hatten bereits mit dem Feierabendskat begonnen und musterten daher den Störenfried ziemlich unfreundlich. In der Trassenhierarchie rangierte diese Truppe ziemlich weit unten. Die Jungs galten als total verweichlichte Eiermaler, weil sie bei jedem stärkeren Regenguss sofort in ihren Baubuden verschwanden und zu ihren Mahlzeiten regelmäßig in die Wohnlagerkantine latschten – jedenfalls, was Jefremow betraf.

Dort wurden die Neubauten gewissermaßen gleich “nebenan“ hochgezogen. Zwar wussten wir ganz genau, daß diese Einschätzung im Prinzip großer Quatsch war, denn auch die Schippenstiele hatten ein knackiges Tagespensum zu bewältigen. Doch unsere Selbstgefälligkeit als Angehörige des „Linearen Teils“ schloss solche Tolerierungen einfach aus. Es gab ja auch fast keine gemeinsamen Berührungspunkte. Bertis Anliegen schien ernsthafter Natur zu sein: die ukrainische Freundin seiner russischen Freundin wollte am Wochenende heiraten.  Er war zu dieser Feier als ausländisches Vorzeigeobjekt auserkoren worden und traute sich aber nicht allein hin.

Die Schuld an seiner Phobie lag eindeutig bei seiner Freundin. Diese erzählte ihm leichtsinnigerweise von den zu erwartenden 70 bis 80 Hochzeitsgästen und einer mehrtägigen Feier. Das war dem zurückhaltenden Norbert aus der Nähe von Dessau einfach zu viel. Ob ich nicht vielleicht einen Tag Zeit hätte... Kurz -  ich sollte mitgehen.  Wie sich herausstellte, hatte Olm in seiner unendlichen Geschwätzigkeit einigen Schippen meinen halben Lebenslauf erzählt, daß ich mit einer Russin verheiratet gewesen war, usw. Ehrlich gesagt, für einen Moment verschlug es mir die Sprache! Das Ansinnen war ein ziemlich starker Tobak. Erstens kannte ich den Kollegen überhaupt nicht und zweitens drohte mir hier eine echte finanzielle Einbuße! Für diese Gefälligkeit musste ich mindestens zwei Tage Urlaub investieren. Von wegen ein Tag! Die Schippe hatte offensichtlich nicht die geringste Ahnung, daß russische Hochzeiten, besonders in den Dörfern, zu kollektiven Selbstmordversuchen ausufern können. Eigentlich wollte ich die „Einladung“ als schlechten Scherz kurzerhand ablehnen, doch dann packte mich doch die Neugier. Eine Dorfhochzeit kannte ich bisher nur aus Erzählungen von Trassniks, die ein solches Ereignis in der Ukraine bereits ohne bleibende Schäden durchgestanden hatten. Was soll’s? Über Urlaub verfügte ich noch mehr als genug und eine Unterbrechung der täglichen Schufterei konnte sowieso nicht schaden.

Nach dem Genuss einer Flasche „Goldkrone“ und einer vollen Tasche Bier, welche der Antragsteller als Verhandlungsbasis für uns mitgebracht hatte, sagte ich schließlich zu – natürlich nur unter der Voraussetzung, daß mir Frank diese zwei Tage genehmigen würde. Die amtliche Trauung erfolgte im Standesamt der Kreisstadt, während die eigentliche Hochzeitsfeier in Kytino, einem kleinen Dorf unweit von Jefremow, durchgeführt werden sollte. Im Elternhaus des Bräutigams. Das ganze rührselige Drama im Standesamt wollten wir uns ersparen und fuhren deshalb bereits am zeitigen Vormittag mit einem „ARO“ des BMK direkt an den Austragungsort des Festmarathons. Ganz Kytino, die „Delegationen“ der umliegenden Dörfer einbezogen, hatte mobil gemacht und der Platz vor dem Elternhaus des zukünftigen Ehemanns ähnelte jetzt einem ambulanten Zigeunerlager. Als der Fahrer des Kübels nach einem schnittigen Halbkreis genau vor dem Gartentor des Hochzeitspalastes anhielt und wir mit einem Blumenstrauß und zahlreichen Geschenkpaketen aus dem Fahrzeug kletterten, bestaunte uns die gaffende Menge mit einem Gemisch aus unverhohlener Neugier und Achtung. Berti bekam vor Aufregung einen roten Kopf. Seine Freundin, als Trauzeugin, und die höheren Chargen beider Familiensippen waren selbstverständlich in Jefremow zur Trauungszeremonie anwesend. So wurden wir „nur“ von einer heftig schnatternden Weiberschar willkommen geheißen. Sie nahmen uns die Blumen und Päckchen ab und geleiteten uns in den Garten. 

Eine schwarzhaarige kalmückische Schönheit versuchte indessen mit sympathischer Hartnäckigkeit Heiko, unseren Fahrer, zum Aussteigen zu bewegen. Der Junge schwankte ernsthaft zwischen hier bleiben oder zurückfahren. Die Entscheidung zum Bleiben fiel ihm nicht sonderlich schwer, denn durch den weiten Ausschnitt ihres prachtvoll bestickten Kleides konnte er sehen, daß sie mit einem Fuß vor dem Rad stand. Das grobe Reifenprofil würde auf dem zierlichen Festtagsschuh unweigerlich hässliche Spuren hinterlassen, wenn er weiterfuhr. Also stieg er aus... „Aber nur eine halbe Stunde!“ meinte der überrumpelte Chauffeur und folgte dem Rasseweib zögernd ins Haus. Schließlich hatte er zugesagt, uns gegen Mitternacht wieder von hier abzuholen. Das Wohngebäude war ein Neubau aus Hohlblocksteinen und einem ziegelgedeckten Dach. Lediglich der Außenputz fehlte noch. Die dafür vorgesehen Mittel flossen gegenwärtig uneingeschränkt in die Ausrichtung der Hochzeitsfeier. Schließlich wollte man vor der zukünftigen ukrainischen Verwandtschaft nicht als russischer Bettler dastehen! Die Nebengebäude einschließlich der „Banja“ (russische Sauna) bestanden wie üblich aus Holz. Sie waren alt, aber in tadellosem Zustand. Die Tür zum Stall stand weit offen. Zwei Läufer wühlten im frischen Stroh – die einzigen Überlebenden des Massakers an ihrer Sippe. Der Schlachter hatte ganze Arbeit geleistet! Hinter den Gebäuden erstreckte sich ein riesiger Garten bis hinunter an das Ufer der Krasiwaja Metschta. Auf diesem Land wurde das Gemüse für die vielköpfige Familie angebaut: Ein Kartoffel- und Weißkohlacker, Johannesbeersträucher, ein undurchdringliches Himbeerdickicht sowie ein breiter Streifen mit Erdbeerpflanzen.

Der kleine Wald uralter Obstbäume ergänzte das Vitaminsortiment. Eine betagte Elektropumpe versorgte röchelnd mehrere Sprinkler, welche die gesamte Plantage freigiebig mit kostenlosem Flusswasser besabberten. Heute und für die nächsten Tage galt das Hauptaugenmerk der Familie Klimjonok allerdings dem riesigen Festzelt. Es beanspruchte fast die gesamte unbebaute Grünfläche des Gartens. Die zahlreichen Löcher, in welchen die Hühner gewöhnlich ihre täglichen Staubbäder nahmen, hatte man sorgfältig mit Sand eingeebnet. Das zahlreiche Federvieh wurde für die tollen Tage in ein kleines Areal gesperrt und musste deshalb aus Platzgründen eine vollkommen neue Hackordnung ausfechten. Die Familie der weißen Pekingenten erbrachte vor dem Hochzeitsaltar ebenfalls einige dezimierende Blutopfer. Die restliche Schar paddelte verstört in der trägen Strömung des Flusses und traute sich vorerst nicht einmal an die goldgelben Maiskörner heran, welche die Hausfrau als Geste der Versöhnung reichlich auf dem Ufersand ausgestreut hatte. Die Frauen führten uns zum Festzelt, wo wir auf einer der eilig zusammengezimmerten Sitzbänke Platz nehmen mussten, reichten jedem der neuen elitären Gäste ein großes Leinenhandtuch als Serviette und ein Glas mit eiskaltem Kwas. Dann eilten sie wieder in die Sommerküche, wo noch jede Menge Arbeit auf sie wartete. Mein neuer Schippenfreund staunte nicht schlecht über diese praktische Einrichtung, denn er war der Meinung, daß diese luftige Kochstube extra für die Hochzeitsfeier gebaut wurde.

Ich konnte ihm aber den Zweck der „letnaja kuchnja“ (russ.: „Sommerküche“) erklären: Das Kernstück einer russischen oder ukrainischen Dorfkate bildete stets der mächtige Ofen. Man baute das Haus gewissermaßen um ihn herum. In den harten Wintern beheizte er die wenigen Wohnräume und diente natürlich gleichzeitig als Kochstelle und Warmwasserbereiter. In den langen Nächten schlief früher die ganze Familie auf den mollig warmen Steinen. Während in den Städten zunehmend moderne Zentralheizungen, Gas- und Elektroherde die gewichtigen Ungetüme aus Lehm und Backsteinen verdrängten, existierten sie in den Dörfern noch bis heute – trotzdem es jetzt auch hier zunehmend moderne Heizungen und Kocheinrichtungen gab. Im Sommer blieben die Riesenöfen unbeheizt. Durch den ständigen Luftzug über den Kamin wirkten sie in der heißen Jahreszeit wie eine Klimaanlage und in den Räumen blieb es dadurch immer angenehm kühl. Um trotzdem eine Kochstelle zu haben, setzte man auf dem Grundstück aus Natursteinen und Lehm einen weiteren Ofen. Zum Schutz gegen Sonne und Regen besaß diese Sommerküche ein leichtes Dach. Einige selbstgezimmerte Sitzmöbel und ein Tisch gehörten zum Inventar. Dieser Ofen wurde ausschließlich mit Holz beheizt und hatte meist sogar noch zusätzlich eine Räucherkammer. Während die emsige Weiberschar in dieser Sommerküche unglaubliche Mengen und Varianten von Speisen zubereitete, installierten einige der Männer im Festzelt mehrere Lichtgirlanden. Da nicht genügend isolierter Leitungsdraht, geschweige denn Kabel, zur Verfügung stand, verwendeten sie einfachen lackierten Spulendraht... Immerhin, nach einer Weile leuchteten die bunten Lampenketten auf und die „molozyi“ (russ.  „Prachtkerle“) heimsten mit gespielter Gleichgültigkeit das dicke Lob der Frauen ein. Das Zelt war aus Birkenstämmen errichtet worden, wobei das Laubwerk gleich als Dachabdeckung diente.

Das Bauwerk wirkte ungeachtet seiner Größe zierlich und filigran. Das frischgeschlagene Holz verströmte einen angenehmen Duft. Zusätzlich wurden noch zahlreiche Sträuße verschiedener Wildkräuter unter den Dachfirst gehängt. Ihre ätherischen Öle sollten Fliegen und Mücken verscheuchen. Die lange Tafel war sehr stabil gezimmert. Musste sie auch sein, denn sonst hätte sie dem enormen Gewicht der Speisen und Getränke kaum standhalten können. An beiden Seiten standen Bänke aus massiven Holzplanken. Sie garantierten eine hohe Sitzkapazität und konnten selbst bei ärgstem Gerangel niemals umkippen: Ihre dicken Beine steckten tief im sandigen Boden Schließlich hatte man so seine Erfahrungen... Die Köchinnen, meist aus der Nachbarschaft oder weitläufige Verwandte, begannen die Tafel zu decken. Tischdecken gab es keine. Sie wären ohnehin ratzbatz bekleckert worden und hätten so manchen der Gäste nur dazu animiert die fettigen Finger daran abzuwischen. Dafür gab es aber genügend Handtücher. Die Tischplatte war stundenlang mit feinem Flusssand bearbeitet worden und das weiße Birkenholz fühlte sich jetzt an wie feinster Samt. Die Sitzplanken der Bänke hatte man dagegen in recht grobem Zustand gelassen. Für die Hintern der Gäste blieb ohnehin nur wenig Spielraum zum Hin- und Herwetzen und einige Splitter in den Arschbacken konnten einer ordentlichen Sitzkultur nur dienlich sein. In der Tafelmitte standen die Flaschen in kleinen Gruppen dicht beieinander. Sie bildeten die eigentlichen Indikatoren des Wohlstandes und der Freigebigkeit des Gastgebers: Markenwodka, armenischer und grusinischer Kognak sowie verschiedene Dessertweine umringten jeweils eine dickleibige Champagnerflasche, deren Inhalt leider genauso lau war wie die Luft im Festzelt. Die Reservebestände im kühlen Speicher waren gegenüber den Paradeflaschen auf der Hochzeitstafel wesentlich preisgünstiger, erfüllten aber dennoch ihren Zweck. In vorgerückter Stunde würde ohnehin kaum noch jemand in der Lage sein die Etiketten zu begutachten. Silberbestecke wurden keine aufgelegt. Erstens gab es im ganzen Haushalt keine und wenn ja, hätte man sie nach dem Saufgelage ohnehin niemals wiedergefunden... Auf Besteckmesser verzichtete man gänzlich. Die Bissen wurden in der Küche mundgerecht zugeschnitten. Nötigenfalls konnten die Gäste auch noch mit den Fingern nachhelfen. So lag neben den kleinen Tellern nur eine Gabel.

Die große Vielfalt dieser Kartoffelforken gab Kunde darüber, daß sie unzweifelhaft aus mehreren Nachbarschaftshaushalten stammten. Bald verschwand das weiße Holz der Tischplatte fast gänzlich unter der ungeheuren Menge von Schüsseln, Platten, Töpfen und Servierbrettern. Die ersten Gäste marschierten auf und wurden vom „Empfangskomitee“ begrüßt. Da es keine festgelegte Sitzordnung gab, platzierte man die Ankömmlinge je nach dem Wert der mitgebrachten Geschenke etwas näher oder weiter von den Stühlen des Brautpaares entfernt. Norbert und ich erhielten besonders erlesene Plätze. Sicher, unsere Hochzeitsgeschenke erregten einiges Aufsehen. Einige Kolleginnen im Wohnlager, unter ihnen eine mit mehrfacher Scheidungserfahrung, hatten uns bei deren Auswahl sachkundig beraten. Doch unser eigentlicher Wert bestand in der Exklusivität als „Ausländer“. Allein durch unsere Anwesenheit legten wir gewissermaßen den Grundstein für eine historische Dorflegende. Noch nach Jahren würde man darüber tratschen, daß bei Klimjonoks eine Hochzeitsfeier mit „deutschen Gästen“ stattgefunden hatte... Auf der Straße verkündete ein ohrenbetäubendes Hupkonzert die Ankunft der Brautleute. Ein weißbärtiger Zausel schoss mit beiden Läufen seiner uralten Hahnflinte in die Luft. Die Schrote kleckerten nach einer Weile den Gästen auf die Köpfe. Das Hoftor war vom Hausherrn verschlossen worden. Der Schlüssel lag jetzt auf dem Boden eines mit Wein gefüllten Dreiliterglases. Um an diesen Schlüssel zu gelangen und mit ihm so das Tor zum trauten Heim aufzuschließen, hätte der frischgebackene Ehemann den Inhalt des Glases in einem Zuge leeren müssen. Gerissen umging der jedoch diesen niederträchtigen Brauch, indem er wie ein ausgekochter Schamane den Inhalt des Glases rituell auf den staubigen Boden schwappte, den erwartungsvoll grinsenden Gästen einige Händevoll des klebrigen Traubensaftes über ihre Anzüge spritzte, den verbliebenen schäbigen Rest austrank und damit sein Standvermögen für eine ordentliche Hochzeitsnacht gewährleistete. Schließlich trug er seine (noch...) schlanke Gemahlin über die Eisenbahnschwelle, welche als symbolische Treppenstufe zum neuen Glück quer über den Weg gelegt wurde. Als dem Ehepaar das obligatorische „Salz und Brot“ überreicht wurde, schluchzten einige alte Weiber herzzerreißend auf.  Anschließend wischten sie sich mit den Zipfeln der buntbestickten Kopftücher die Krokodilstränen aus den zerknitterten Gesichtern und schnäuzten die geballte Ladung Herzkummer in ein Seitenteil der Strickjacke oder als wohlgezielten Kutscherpfiff über die Latten des Gartenzaunes. Die schweißtreibende Zeremonie des bei uns üblichen Holzsägens kannte man hier gottlob nicht. So blieb es dem Hochzeitspaar erspart eine dicke Holzrolle mit einer Säge durchzufiedeln, deren Schrank man vorher hinterlistig mit einem Hammer plattgedengelt hatte...

Im Festzelt leuchteten die bunten Lichtgirlanden auf. Schließlich hatte sich das frischgebackene Ehepaar bis zu seinem blumengeschmückten Thron durchgearbeitet. Beide Väter hielten nacheinander eine kurze Festrede, die aber trotzdem noch so lang war, daß einigen Saufsäcken vor Ungeduld die Adamsäpfel hüpften und sie sorgsam ihre randvollen Gläser ausbalancierten, damit deren kostbarer Inhalt ja nicht überschwappte. Nachdem sich alle gegenseitig mit den besten Wünschen für alles Mögliche zugeprostet hatten und die Erste Ölung die Kehle hinunterrann, sausten die Gabeln über den Tisch und bohrten sich zielsicher in einen vorher ausgewählten Happen der Fressereiberge. Sakuska -  der Schnaps bekam Arbeit! Die Männer hielten sich hauptsächlich an deftige Bissen: Essiggurken, marinierte Pilze, eine Scheibe fetten Schweinebraten mit scharfen Senf und ein Stück salzigen Räucherfisch oder ein knuspriges Hühnerbein. Nach dem Trinken schnupperten sie an einer Scheibe Brot und nahmen dadurch dem hochprozentigen Wodka etwas von seiner Schärfe. Die Frauen indessen verfolgten in der Regel ihre eigene, geschlechtsspezifische Strategie. Ohne daß sie sonderlich weniger als die Männer tranken, achteten sie jedoch mehr darauf, durch den reichlichen Konsum hochwertiger Leckerbissen den Wert des Hochzeitsgeschenkes gewissermaßen „abzuessen“. Die Backentaschen bereits bis zum Bersten gefüllt, zauberte manche dennoch einen zusätzlichen Weißbrothappen mit Kaviar durch die Vorderzähne, während sie ihrer Tischnachbarin den neuesten Dorfklatsch ins Ohr brüllte. Als die beiden Familienoberhäupter ihre Pflichtreden herunterhaspelten und alle gespannt zuhörten, nutzte ich die Gelegenheit meinen Teller ordentlich vollzupacken. Damit schaltete ich das Risiko aus, beim Zulangen eine Gabel in den Handrücken zu bekommen und konnte mir außerdem noch den Ärger ersparen, daß mir jemand anderes einen bereits anvisierten Leckerbissen vor der Nase wegschnappte. Die selbsternannten Mundschenke füllten eifrig die Gläser nach, wobei sie pedantisch darauf achteten, daß sich der Flüssigkeitsspiegel am oberen Rand leicht nach oben wölbte... Es wurde nach Herzenslust gegessen und getrunken. Steife Tischsitten und überflüssige, affige Förmlichkeiten hätten hier nur die gute Laune verdorben. Die anwesende Kinderschar wurde nicht wie bei den meisten unserer Festivitäten an einen Extratisch verbannt, sondern die Kleinen quirlten munter im Zelt umher. Unbarmherzig drangsalierte die Gästeschar das Brautpaar mit ihrem wiederholten Geschrei: „Gorko, gorko!“ („Bitter, bitter!“) Daraufhin musste das Paar jedes Mal aufstehen und sich küssen. Unser Fahrer hockte mit seiner neuen Liebe an einer Tischecke. Sie blätterten in Versandhauskatalogen und prosteten sich hin und wieder zu. Ich grübelte, wie lange wir wohl von hier bis zum Wohnlager in Jef laufen mussten, denn in den Gläsern der Beiden befand sich alles andere als Tee... Berti überstand die erste Trinkspruchserie mit Bravour. Erstaunlich, denn ich verspürte die Wirkung des Alkohols bereits in den Beinen und die Schippe neben mir sollte angeblich kaum etwas trinken.

Eine schmale Hand tippte mir behutsam auf die Schulter. Sie steckte in einem langen weißen Spitzenhandschuh. Mein Kumpel hatte mir ein oder zwei Dutzend mitgegeben. Er war Sicherheitsinspektor in einer bekannten Handschuhfabrik meiner Heimatstadt. Die eleganten Damenhandschuhe waren als Messemuster in Leipzig präsentiert worden, doch fanden die Kollektion im Westen diesmal keine Käufer. Möglicherweise trugen jetzt dort die Millionärsziegen modetrendbedingt Boxhandschuhe... Zum Wegwerfen waren die schönen Stücke jedenfalls zu schade und hier erregte die Braut damit uneingeschränktes Aufsehen. Die zarte, aber unmissverständliche Aufforderung weckte in mir keine besondere Begeisterung: Ich sollte also mit der Braut tanzen! Vor der Birkenlaube stampften bereits einige Paare durch den als Tanzfläche aufgeschütteten Flusssand. Die ausgeleierte Kassette im Rekorder brachte ähnliche Töne hervor, wie sie locker auch jeder Bierdeckel auf einem Plattenspieler erzeugt hätte. Als notorischer Tanzmuffel überlegte ich krampfhaft, wie ich der jungen hübschen Frau einen Korb verpassen konnte, ohne das dessen Übergabe beleidigend auf sie wirkte. Die Schuhe! Zu dem geborgten Sakko, das bereits ausgiebig mit Schaschlykfett bekleckert war, trug ich nagelneue Arbeitsschuhe. Dem groben Spaltleder der Halbschuhe hatte ich mit viel Spucke und etwas Schuhkreme einigen Glanz verliehen. Die tiefen Profile der Sohlen verliehen Standfestigkeit, während die Stahlkappe in den Spitzen zuverlässig vor Fehltritten schützte. Doch wehe dem zarten Fuß, wenn ich mit meinen unkontrollierbaren Tanzschritten loslegen würde! Ich zeigte deshalb meiner Partnerin die stabilen Treter. Sie verstand die Warnung und als Ausgleich leerten wir gemeinsam ein Glas Sekt. Draußen auf der Straße hatte sich wieder eine Horde Hochzeitspendler eingefunden und wurde ins Festzelt gelotst. Unter ihnen waren einige bildhübsche Zigeunermädchen. Sie verloren keine Zeit und begannen nach dem Begrüßungstrunk den angeheiterten Gästen die zerknitterten Rubelscheine aus den Taschen zu „zaubern“. Wir hatten unsere „Rüben“ wohlweislich in der Unterkunft gelassen. Eines der Mädchen, es mochte immerhin 12 Jahre gewesen sein, nahm jedoch auch eine DDR-Mark in Zahlung. Ihre Prophezeiung auf ein langes Leben erfüllte sich jedenfalls für mich bis zum heutigen Tag... Die Paradeflaschen waren längst ausgetrunken und pausenlos sorgten die schwitzenden Haushälterinnen für Nachschub. Jetzt gurgelte bereits dunstender Samogon in die Gläser. Ein durchdringender Hefegeruch zog durch das Zelt. Die Stimmung der Gäste erreichte nun ihren absoluten Höhepunkt. Hitzige Debatten flammten auf. Vom Wetter bis hin zur Außenpolitik - es wurde über alles diskutiert.

Die zahlreichen Kinder lauschten mit offenen Mündern den Kampfberichten der Kriegsveteranen und die ganz Kleinen klimperten vergnügt mit den schönen bunten Orden auf den dürren knochigen Heldenbrüsten. Ein ehemaliger Jagdflieger stieg auf die Sitzbank und simulierte mit dem Armen den Anflug auf eine feindliche ME-109. Nachdem er den deutschen Okkupanten mit einigen wohlgezielten Salven seines Lippen-MGs erledigt hatte, ließ er sich total erschöpft von seinem Luftkampf auf die Bank zurückfallen. Dort wartete bereits seit geraumer Zeit der sibirische Hauskater Wassja verstohlen auf die Gelegenheit eines heimlichen Zugriffs auf die Köstlichkeiten der Festtafel. Er musste sich jetzt aber durch einen blitzschnellen Satz vor dem herabsausenden Hinterteil des tapferen Piloten in Sicherheit bringen.     Eine stramme Dorfmatrone hatte sich den nunmehr willenlosen Berti geschnappt und drückte ihn fest an ihren mächtigen Busen. Sein Kopf verschwand fast völlig zwischen den beiden weichen Hügeln aus mehrfach gegangenem Hefeteig. Der arme Junge rang verzweifelt nach Luft. Diese Wildlederdichtungen erstickten ihn fast. Seine Freundin versuchte vergeblich ihn aus den Armen der Dicken zu befreien... Der hochprozentige Schnaps stachelte die Sangesfreudigkeit der anwesenden Damen ungemein an. Aus dem Mund der Vorsängerin gellte ein schriller Ton wie die Notbremsung einer Straßenbahn. Die übrigen Frauen erkannten in diesem Kreischton aber sofort die Melodie des angestimmten Liedes und legten los. Wer im Fernsehen schon sowjetische Frauenchöre gesehen hat, kann sich den Schallpegel leicht vorstellen. Obwohl der Gesang an und für sich nicht schlecht war, verließ der größte Teil der Männer bereits nach einigen Minuten den „Musentempel“.  Um zu rauchen, sagten sie entschuldigend... Kater Wasja erwies sich ebenfalls als schnöder Kunstbanause. Erbost fauchte er über den Krach in seinen empfindlichen Lauschern und schleppte sein Nachtmahl, einen gebratenen Zanderschwanz, in ein nur ihm bekanntes Versteck. Berti wurde weiterhin von der ehemaligen Dorfschönheit vergewaltigt und so verließ ich allein das Festzelt. Die Komforttoilette mit Wasserspülung im Wohngebäude war den weiblichen Besuchern vorbehalten. Vor dem Plumpsklohäuschen inmitten der Erdbeerplantage drängelte sich eine Wartegemeinschaft. Ich reihte mich nicht ein, sondern verpasste den aufsprießenden Stangenbohnen nebenan eine großzügige Düngergabe als Wachstumshormon.  Im Garten trampelten noch einige Tanzwütige auf dem Flusssandparkett. Meist waren es Frauen oder Mädchen, welche paarweise tanzten. Die Männlichkeiten hockten träge im Gras, schlürften  ihr warmes, schal gewordenes Bier und knabberten an brettharten Dörrfischen.  Für meine Nase müffelten diese „Delikatessen“ entsetzlich. Außerdem bestanden sie hauptsächlich aus einer schuppigen Lederhaut, welche durch eine komplizierte Grätenstruktur am Auseinanderfallen gehindert wurde. Im „ARO“ neben dem Gartenzaun brannte die Kabinenbeleuchtung. Der Fahrer umarmte mit seinen Armen das Lenkrad und schien zu schlafen. Lali, die Brünette aus Kasachstan, hatte sich auf dem Beifahrersitz zusammengekringelt und versuchte, sich in der schwachen Beleuchtung einen dicken Packen Fotos anzuschauen. Eine hagere Gestalt kletterte mühsam über den weißgestrichenen Staketenzaun und plumpste schließlich kopfüber auf die Straßenseite hinunter. Ich wollte dem Mann aufhelfen, doch der stand bereits wieder auf seinen Beinen und begann schwankend einen Vollkreis mit erstaunlich großem Radius zu pinkeln. Die Schar der zahlreich  vor dem Grundstück versammelte Dorfjugend grölte vor Begeisterung. Die aus Neugier ebenfalls präsente Staatsmacht sah dies allerdings etwas anders. Zwei Milizionäre versuchten den ortsfremden „Sittenstrolch“ zu packen, aber der scheinbar unerschöpfliche Blaseninhalt des Delinquenten hielt sie auf gebührendem Abstand. Erst als seinem Wasserwerfer das Gemisch endgültig ausgegangen war, packten die Beiden zu. Bevor der Mann auf Reserve umschalten konnte, schleppten sie ihn zu ihrem „GAS“. Brabbelnd verkroch sich der Pisser in eine Ecke des Wagens und schlief augenblicklich ein. Morgen früh mußte man ihm in der Ausnüchterungszelle sicher erst das ganze Filmende vorspielen, damit er sich überhaupt noch an das Geschehen erinnern konnte. Die Kosten für Logis und eine kalte Dusche würden allerdings in seinem Geldbeutel eine schmerzliche Narbe hinterlassen. Wenigstens bis zur nächsten Hochzeit...

Im Osten schob sich der neue Tag schüchtern hinter den Scherenschnitten der uralten Bäume am anderen Flussufer hervor. Die kühle Luft ließ mich frösteln. Mit Freude registrierte ich, daß ich den Grad meiner Besoffenheit selbst noch einigermaßen einschätzen konnte. Jedenfalls wurde es nun höchste Zeit an die Rückkehr nach Jefremow zu denken. Den „ARO“ mussten wir zwangsläufig hier im Dorf zurücklassen – der Fahrer blieb unsichtbar. Mit Grauen dachte ich an die Strapazen des bevorstehenden Fußmarsches. Mit butterweichen Knien ließ es sich bekanntlich besonders schlecht laufen. Berti war dem Busenwunder schließlich doch noch entronnen. Er wurde jetzt vom Hochzeitspaar höchstpersönlich bis an das Flussufer geschleppt, wo ihm unverzüglich der Magen explodierte. Im Verlaufe der nächsten Woche rührten die Gründlinge garantiert keinen noch so verlockenden Angelköder an und am Tage würden die Enten die Reste der Festtagsspeisen im Ufersand auflöffeln. Die prominenten Samariter schleiften die todkranke Schippe bis zum „ARO“. Heiko schreckte hoch und stellte erstaunt fest, das Schlafen ganz schön müde machen konnte. Seine neue Freundin hatte die Reste der Geländewagenfete aufgeräumt und versuchte jetzt geduldig ihm eine große Tasse Kaffee einzuflößen. Vergebliche Liebesmühe, dachte ich hämisch. Der haltlose Chauffeur würde auch laufen müssen! Doch wiederum hatten wir den Einfallsreichtum der Russen unterschätzt. Die Rückreise nach Jefremow wurde von den Gastgebern verblüffend einfach organisiert: Der „ARO“ erhielt einen „Hafermotor“! Ein gutmütiger Gaul aus der Nachbarschaft zog den Kübelwagen zurück in die Stadt. Der Kutscher hockte auf der breiten Motorhaube und hielt die Zügel des gleichmäßig dahintrabenden Wallachs. Der neue Fahrer, ein halbwüchsiger Bengel, lenkte den „ARO“ durch die zahlreichen Kurven der Landstraße. Laute Discomusik riß mich aus meinem Schönheitsschlummer. Wie auf einer Parade rollte der Kübelwagen von BMK über die Betonplatten der Lagerstraße. Die Discobesucher standen Spalier und spendeten wie ein ordentliches Empfangskomitee lauten Beifall. Die Kollegen der Lagerwache am Haupteingang hatten, als sie die seltsame Fuhre bemerkten, sofort den Schlagbaum hochgezogen und der nichtsahnende Kutscher lenkte sein Gespann mitten durch dieses „Spalier de Blamage“. Für den Lagerklatsch war mit diesem Ereignis ein neuer Höhepunkt geschaffen und wir konnten endlich in unseren Unterkünften die Nachwehen der Dorfhochzeit auskurieren. In Kytino indessen würde noch einige Tage munter weitergefeiert werden – schließlich war eine Hochzeit kein alltägliches Ereignis... 

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